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eurasia.jpg  Ich frage mich (…), warum sich die Skulptur von der Darstellung der Figur, des Körpers und besonders des Gesichts abgewendet hat? Warum existiert heute keine Darstellung vom menschlichen Wesen? Warum ist keiner mehr fähig, einen Akt, einen Körper oder ein Portrait zu malen? Warum also diese Art der Auslöschung des Antlitzes in der Bildhauerei, wo das doch der Probestein künstlerischer Kreativität ist? Oder aber warum, wenn das Gesicht nicht verschwunden ist, dieser enorme Wille zum Sarkasmus und dieser Drang zur Ironie? Warum die Neigung zum Lächerlichmachen des Antlitzes, wo wir doch eine Zeit durchlebten, wo die menschliche Identität mehr als wie in jeder anderen Epoche geschunden und hässlich gemacht wurde? Warum hat man darauf nicht reagiert? Warum hat die Kunst, nach all diesen scheußlichen Erfahrungen massiver Zerstörungen und der Ausrottung, welche die Identität verneinten, es sich nicht zur Aufgabe gemacht und die Chance ergriffen, die menschliche Identität mit den Mitteln der Malerei zu bestätigen, indem sie auf der Leinwand seine Züge zeichnete. Da gibt es eine Verantwortung und ethnische Position, die meines Erachtens von den Künstlern heute nicht wahrgenommen wird, außer von den wenigen, die ich liebe, wie Giacometti, Balthus, Lucian Freud oder vielleicht noch Francis Bacon. Hier liegt so etwas wie eine moralische Verfehlung, ja ein Bankrott der Moral vor, der gleichzeitig eine Bankrotterklärung der Plastik beinhaltet… 

JEAN CLAIR, Direktor des MUSÉE PICASSO IN PARIS im Gespräch mit HEINZ-NORBERT JOCKS; KUNSTFORUM international, Bd.148 Dez.99/Jan.00

„Was heute falsch ist an der modernen Kunst, und wir können ebenso gut sagen, was ihr Tod sein wird, ist die Tatsache, dass wir keine starke, mächtige akademische Kunst haben, gegen die zu kämpfen sich lohnt. Es muss eine Regel geben, selbst wenn es eine schlechte ist, denn die Macht der Kunst bestätigt sich in der Überwindung der Tabus. Beseitigung aller Hindernisse aber bedeutet nicht Freiheit, sondern Lizenzierung – eine fade Angelegenheit, die alles rückgratlos, formlos, sinnlos und nichtig macht.“

PABLO PICASSO, Zitat in  der Ausstellung “MALEN GEGEN DIE ZEIT”, ALBERTINA WIEN 2007

 Das sogenannte “Antlitz” (das Gesicht und der darin sich selbst “Entgegenblickende”) ist verschwunden aus unserem Sprachgebrauch, untergegangen in der Medien-Bilderflut; demzufolge ist auch das Porträt (die bildnerische Darstellung des Gesichts) obsolet geworden, der Momentaufnahme gewichen, zum Passfoto degradiert oder auf dem Titelblatt computeranimiert geschönt aufgeblasen worden. – Schwere Zeit für einen Maler wie Lucien Freud, dessen sensibles hintersinniges  Porträt der englischen Königin bei der Präsentation Proteste hervorrief.Die bildlich personifizierte Darstellung des Antlitz Gottes & seiner Diener ist eigentlich eine Geburt des Katholizismus. Die Gesichter Allahs & seiner Propheten erscheinen als weiße Lichtflecken auf den Fayencen, Buddha immer wieder stereotyp in gleichem Lächeln, bloß die Christen haben ein differenziertes Repertoire: eben das interessiert mich, die bildnerisch tradierten  Physiognomieerfassungsversuche der biblischen Erzengel , von “Michael” Albrecht Dürers bis hin zur “Staatsfratze” von Jonathan Meese: die  Hermeneutik ihrer Erscheinungsgebaren, der außer-individuelle Auftritt, das Ab-heben der Engel ließ Künstler auf einem rational nicht fassbaren Terrain, in bildnerisch inevidentem Raum arbeiten. – So ein Gesicht als “Portrait” kann nur idealisiert oder zum Verschwinden gebracht werden, um seine imaginäre Präsenz nicht zu beleidigen. Mohammeds Gesicht als weißer Fleck ist ein Zeichen der Redundanz, die dem Künstler die Botschaft der Unmöglichkeit des Fassungsvermögens mittelt.Andrerseits nehme ich sogenannte “Fahndungsfotos” oder “Phantomzeichnungen” aus einschlägigen Tageszeitungen , die durch die Darstellung typischer Gesichtszüge die Identifikation eines Verbrechens verdächtigter Personen ermöglichen sollten. Computergestützt über einen Plotter auf Leinwand gebracht versuche ich in verschiedenen Techniken diese  “Phantome” zum Leben zu erwecken. Das Resultat erbringt verschiedenste Assoziationen der Betrachter, eine Darstellung eines Gesichtes wurde bisher identifiziert als  “Jörg Haider” wie auch “Rex Gildo”. Worin liegt die Wahrheit, wenn nicht im Rezipienten! 

aim-order.jpg                            AIM & ORDER, ANDREAS ROSENEDER, C-plot & Kohle auf Leinwand, artport zero, 2003

One Comment

  1. wie wahr, wie wahr! aber mir kommt vor, als sei inzwischen wieder eine sehnsucht nach darstellungen der körperlichkeit oder auch “realistischen” werken am kunstmarkt gefragt.
    Zit.: “Schönheit = Der Glanz der Wahrheit.” (Ludwig Mies van der Rohe)


4 Trackbacks/Pingbacks

  1. By genius « poesis & crisis on 11 Dec 2007 at 9:01 am

    […] Pablo Picasso sagte auch: siehe: link                                                              […]

  2. By blossoms spent on sweets « poesis & crisis on 27 Jan 2008 at 12:16 pm

    […] siehe auch:   FUNDAMENTALISTISCH ODER WAHR? […]

  3. By Rosedale Cemetery « poesis & crisis on 03 Feb 2008 at 6:52 pm

    […] images on artport zero: 1  2  3  4    « MILAN […]

  4. By REMIX BILDERSTREIT « poesis & crisis on 23 Feb 2008 at 1:47 am

    […] siehe dazu auch: Fundamentalistisch oder wahr? […]

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