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THE BLUDENZ PROJECT

 

 

die worte sagt die wissenschaft machen den satz, die punkte bestimmen die linie.

der satz macht die worte sagt herr spann, die linie bestimmt ihre punkte.

die wissenschaft und herr spann sind zwei üble brüder.

überhaupt klatschen die ÖSTERREICHER einander auf den schenkel.

oswald wiener

                                                                                                                                                                

 

I

LINIE

 

 

…obwohl der Fußgänger selber ein Fahrzeug ist, ein METABOLISCHES FAHRZEUG mit eigenem Tempo, gibt es eine Identität und Identifikation des Körpers mit seiner Geschwindigkeit: leben, LEBENDIG SEIN HEISST Geschwindigkeit sein…

                                                                                                            Paul Virilio

 

 WER HIER EINGEHT, IST LEDIG ALLER QUALEN

 Stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus.

 Jemand warf einen toten Hund ihm nach in die Schlucht. 

 Ja.

 „Wie ein Hund!”,  sagte er, es war,  als sollte die Scham ihn überleben.*

Gelder erwachte.

Und im Anfang war das Wort: Als das Wort noch Wort war, bevor man es be + igte & be x te.

Hier bin ich – Simon Gelder.

„Ich beginne”, sagte er sich. Von Hinten her dräute ihm ein großes Drängen, – auf den Kopf zu? – keine Gerichtetheit, kaschierte er doch nur Willkürserscheinungen mit dem Metaphermantel großes Drängen, mit erahntem, besser:  gefühltem Ziel:  KOPF

„Bin noch bereit zur Auseinandersetzung. Bin noch bereit zur Auseinandersetzung… – Bin. – Noch – be – reit – zur – aus – ein – an – der – setz – ung.”

Er setzte neue Struktur in bereits erstarrte Kopf füllende Masse, benannte dieses Agieren Angebot zur Revision. Stochern im Erinnerungsvermögen wäre wohl angebrachter, revidierte sofort seine Vernunft &: „Selten traf ich einen Menschen, der sich selbst so im Wege stand…”, wird ein eingebildeter ehemaliger Deutschprofessor nach seinem Ableben dies als „notierte seelische Zustandserörterungen” abtun.

Dachte er.  Dachte ei ihm irgendwann eingebläuter Schicksalswahn.

Beginn wurde Großraum, entwickelte sich vor der Zeit & damit außerhalb des Geschehens; er fußte darin.

Er sagte: „Ich beginne”.  Sagte er.  Sagte er jeden Morgen. Sagte er diesen Morgen. „Dieser Morgen hat von sich aus die Bereitschaft zum Ansatz, Beginn, der Beginn muss im Wort sein wie der Beginn im Morgen ist.” – Jeden Morgen war dies in letzter Zeit so. Aber kurz danach erkannte er: ich falle zurück ins Geschehen ich setze fort ich fahre fort im Spiel, wenn ich meine vorher gefasste Linie nicht verfolge – „Beginne ich?”

Er fasste die Linie am Morgen: Nach dem ersten Lidaufschlag Erschautes & noch währende Schlafbildverzerrungen hatte er im Kopf, Schlafbilder, die sich lösten aus einem dunklen dreidimensionalen Kosmos, flächig & gerahmt wurden aus ihrer endlosen Ausdehnung, auch in ihrer Bestimmtheit, denn er agierte nicht mehr, sah sich hingegen agieren, Schlafbilder, auf welche Raumgegebenheiten projiziert wurden, Stuhl, Schrank dort mit scharfen Konturlinien in Schlafbilderlandschaften, – da zog das Auge plötzlich scharf trennende Linie zwischen beiden Bildebenen, kippte ein Gefälle, auf dem kein Stand mehr möglich schien, sein Blick wechselte ab- aufwärts ausm- ins Licht, sein Körper fiel noch in Schlafspannung wieder zurück aufs Bett.

Er fasste die Linie am Morgen & sagte wieder:

„Ich beginne”

„Von dort kommt die Welle her!”, hörte er rufen; vielleicht noch Traum, feinmaschig-zerbrechlich.

„Von dort kommt die Welle her!”, hört er sich selber ausrufen, ohne mit dem Arm die Richtung seiner Wahrnehmung zu weisen; er könnte mit dem Arm hebend darauf hinweisen, er könnte mit seinem Arm eine Pfeilgerade auf seine Wahrnehmung zuschießen, surrend, doch allein diese Möglichkeit raubt ihm augenblicklich Boden unter den Füssen, vereinnahmt terrain, zuviel an terrain, er verliert an Boden, sein Arm bleischwer am Rumpf: er kann nur den Kopf etwas vorschieben, taubenhaft anmutendes Bemühen, nach vorne den Kopf, Kopf vor; vielleicht noch Traum, feinmaschig-zerbrechlich.

„Von dort kommt die Welle her!”, rief er aus, ohne mit dem Arm die Richtung seiner Wahrnehmung zu weisen. Vielleicht Traum, feinmaschig-zerbrechlich, sagte sich Gelder. Doch keiner der an ihm Vorüberschreitenden hatte ihn gehört, keiner blieb stehen oder blickte auch nur in seine Richtung. Er saß auf einem Kaffeehausstuhl, starrte durch die Fensterscheibe, eine große Aida-Auslage, eine dieser im Belebungsversuch der Donaumetropole der Ende 70er- & Anfang 80er-Jahre vor der zweiten Jahrtausendwende unzerstörbar scheinenden Nachkriegserhellungsbilder in Wien, postmodern per se vor diesem architektonischen Postulat, in dem er saß, ein demonstratives Ausstellungsstück der Kontemplation dieser in sich blickende Mann am Tischchen von draußen, durch den farbgesprenkelte Menschenhaufen hindurch gesehen für einen Betrachter von der anderen Straßenseite her. Die Straßenbahn kratzte kreischend in die Kreuzung hinein & riss Gelder den Bildausschnitt mit der sich bei Ampelgrün über einen Kreuzungsarm schiebende Menschenmenge in sein Wellenbild. Die Welle schwappte darüber & löste sich auf in weiße Gischt ohne gegen die Auslage zu schlagen. Keiner war davongelaufen wie seine Vernunft es geboten hätte, die Welle nur mehr weiße Wolkengischt über der sich von der Kreuzung weg in den Horizont sich verlierenden Häuserzeile.

„Ich muss meine Arbeit als Nachtwächter kündigen, dieser Dreitagesrhythmus: dreimal Nachtschicht – dreimal Tagschicht, hintereinander, dazu durchgelesene & hindurch gemalte Nächte & Tage, kaum Schlaf – dies alles zerstört meinen Lebensrhythmus & damit meine Basis der nüchternen Wirklichkeitswahrnehmung.”, dachte er.

Derweil war er in seiner tatsächlichen Arbeit, der bildenden Kunst, mit der Wirklichkeitswahrnehmung vor allem in der Malerei beschäftigt, fand jedoch mit den Elaboraten seiner Sicht der Wirklichkeit auf Leinwand keine Abnehmer & verdiente nebenbei bei der Wiener Wach- & Schließgesellschaft einen kleinen Sold, der ihm zumindest half, seine so genannte Substandard-Wohnung mit Bassena am Gang, die ihm vor allem als Atelier diente, zu finanzieren. Den Tag zuvor erst hatte er in seiner Wohnung den auf dem in den Anfängen der 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts nach den Einbrüchen der Aktionisten & Performer in den 50er- & 60er-Jahren in Wien mit der Wiederentdeckung des Tafelbildes im damit prosperierenden Kunstmarkt hochstrebenden Galeristen Paul Pakosta aus seinem Arbeitsraum komplimentiert. „Ich habe mir jetzt die ökonomische Nabelschnur abgeschnitten”, dachte er sich danach. Dieser Pakosta hatte die abstrakte Linie der Neuen Wilden, mit deren Malerei er aktuell den internationalen Markt eroberte, auf ihn umlegen wollen, gerade auf ihn, der er an der Akademie der Bildenden Künste bei einem Vertreter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus in die Lehre ging & auf kunsttheoretischer Ebene vor diesem Meister in der althergebrachten Meisterklasse  sich für kunsthistorisch schon längst Akkreditierte wie Joseph Beuys & Andy Warhol ins Zeug legten musste. Aussagen der beiden wie „Jeder Mensch ist ein Künstler” oder „Jeder Mensch wird in Zukunft für 5 Minuten Ruhm erleben” waren Diktion, & da blieb einer an den Verdichtungen zwischen den Keilrahmen eines einzigen Bildes hängen, kramte aus einem bespannten Rahmen malerische Einzelheiten hervor & wagte zu sagen: „Malen sie bis zum nächsten Herbst in dieser Art weiter…”.

Es war Winter.

Gelders Freund Max Horn an der Akademie hatte in diesem Winter begonnen, seine vormals luftig leichten Bilder in Öltechnik, die er über einen längeren Aufenthalt inspiriert in der Atmosphäre der sizilianischen Stadt Palermo perfektioniert hatte, mit cremefarbigen, ocker- & kakaogefärbtem Zinkweiß ( „- oder war es Titanweiß?”, ließ ihn sein Ehrgeiz im Studium der Farbmischungen recherchieren), Rechtecken vom Zentrum aus auf den Rand hin zuzumalen. Am Rande blieben dann immer irgendwelche noch wahrzunehmende Rudimente eben einer imaginierten Darstellung oder eines vorgestellten Geschehens stehen. Gelder interessierte auf einmal nur mehr, was hinter diesen dominanten ölsatten Rechtecksverdeckungen an Darstellungen oder Geschehen hätte sein können. – Hatte Max überhaupt die Bilder vollendet & erst danach seine Abdeckungen darauf gelegt, oder war ihm dies zum Prinzip geworden, etwaige Möglichkeiten für den Betrachter offen zu halten, was hinter diesen Abdeckungen stecken könnte? Er wagte nicht, bei Max nachzufragen, mit welchen Absichten er dieses Verfahren verfolgte, zu sehr war er in Konkurrenz & möglichen Verzerrungen im Wettbewerbsdenken verhaftet.

„Hier ist Stella, hier bin ich. Hier ist Stella, hier bin ich. Hier ist Stella, & die Welle schwappt wieder darüber & löscht das Bild von ihr.”

Eine Menge von Menschen hatte sich wieder vor der Ampelkreuzung angesammelt & schob sich bei Grün über die Kreuzung.

Die Welle war vielleicht feinmaschig-zerbrechlicher Traum.

Auch ihn spülte sie nicht fort:

„Hier bin ich. Simon Gelder.”

Die Scharrgeräusche der aus der Kreuzung ausfahrenden Tramwayräder rissen ihn noch mehr heraus aus seiner Traumwelt, & er begann sich im Aufwachraum zu behaupten, als er merkte, dass sich ein konkret sicherer Zusammenhalt der Wörter bildete aus seinem Sprachwortschatz, mählich löste aus der Sphäre der Traumbilder, kettend an die Realität wie:

Stuhl, Schrank, dort

„Der Morgen?”, der Morgen schuf ihm ein illuminiertes Raumbild, er registrierte Stuhl, Schrank in ihrer umrissenen Form, licht umrissen Stuhl, Schrank in Morgenlichtscharfkanten, sicher dort ohne Bedeutung & Beifügung.´

Dort steht ein Stuhl.” – „Auf diesem Stuhl saß gestern Stella.”

„Dort steht ein Schrank.” – „Warum habe ich diesen klobigen Schrank noch immer nicht fortgeschafft?”

Seine langsam einsetzenden Überlegungen zur Zusammensetzung der Inneneinrichtung seines Aufwachraumes zerrissen plötzlich den vorigen einfachen magischen Zusammenhalt der einzelnen Wörter, entzweite die imaginäre Kette zwischen Stuhl, Schrank, dort zu Stuhl. Schrank. Dort.

Stuhl Schrank dort

Dort

Stuhl Schrank dort

Dort

Jan Admiral rief ihn rücklings aus seiner Traumwelt an:

 

                                                  („in die Seile”, „um

die Bahn”**)!

 

„Jetzt nur keine Innenangst durch allzu abruptes Aufschnellen im & zu schnelles Aussteigen ausm Bett hervorrufen, dieser blitzschnell aus dem Nichts hervorschnellenden Angst nur ja keine Angriffsfläche bieten durch falsche Bewegungsabläufe in der neuen, eben erst zu betretenden Raumatmosphäre geben, nur ja kein falsches Agieren oder gar Taktieren darin, kein falsches Reagieren beim Auftreffen auf noch nicht restlos klar fixierte Objekte darin, schon gar keine unnötige Gedankenfolge dabei, klar bleiben, nichts & niemandem die Inbesitznahme dieses klaren Bewusstseins überlassen.”

Da dachte er sich seine Hände, & schon waren sie da, den Bettrand umfassend.

„Nur keine Innenangst provozieren, jedwede Bewegung langsam & bedacht ausführen, den Körper nicht losen Gegenständen, die von mir noch nicht fixiert & ohne Verbund in meinem Wirklichkeitsbild sind, ausliefern, vorerst Erfassen & Integrieren der Objekte in dieses Bild, bevor mein Körper sich überhaupt zu bewegen beginnt darin, in dieser Objektanhäufung Umgebung, ohne Behinderung oder gar Kollision.”

Im Spiegel neben dem Bett sah er sich angekleidet. Angezogen. Die Unterhose, die Socken, das T-shirt, das Hemd darüber, die Hose, der Gürtel geschlossen. Alles war neben seinem Bett gelegen & er hatte es angezogen, übergestreift & umgeschnallt, ohne sich dieser Handlung bewusst zu sein.

Angekleidet.

Mit der Bewusstwerdung des nebenbei gesetzten Aktes des Anziehens, Ankleidens war nun diese Angst wiedergekommen, diese Innenangst, wie er sie benannte, gegen die er seit Wochen, ja Monaten ankämpfte.

Angezogen, aber ihm war kalt.

Er spürte, dass er etwas entgegensetzen musste dem Aufzug der Angst, schnell, er zog augenblicklich alles wieder aus, öffnete den Gürtel, streifte Hose, Unterhose, Socken, T-shirt wieder ab auf den Boden, knöpfte sein Hemd auf, streifte es über seine Kopf & schmiss es über die Stuhllehne.

Dann saß er eine Weile nackt auf dem Bettrand.

Ihn fror nicht mehr.

Gelder begann langsam alle Kleidungsstücke nochmals zu ergreifen, Unterhose, Socken, T-shirt wieder von seinen Körperteilen zu ziehen, jeder Handgriff ein zweites Mal, nur diesmal bedacht sachte in der Handlung: mit gekrümmtem Oberkörper die ebenso eingezogen gekrümmten Zehen beim Überziehen des Feinrips der Socke über den Rist & die Ferse des Fußes & dann das Anschnalzen des Gummizuges der Sockenröhre an der Haut seines Unterschenkels knapp über dem Knöchel, mit aufrechtem Rumpf die Rundung der Knöpfe seines Hemdes mit den Kuppen des Zeigefingers & Daumens erfassend in der Drehung des Einknöpfelns ins Knopfloch, der Hemdstoff knirschend unter dem Fingerdruck.

„Meine Finger.”

Das Innen kehrte sich nach Außen, stülpte sich über die Knöpfe. Er stülpte den Stoff über die Knöpfe, die durch die Reibung seines Zeigefingers & Daumens in die Knopflöcher glitten.

Das Innen trug sich nach Außen hin, um nach Außen getragen zu werden, alles wurde zu Körper, war Körper, agierte Körper, reagierte dem Körper zu. Körper gegen die Angst stellen, Angst begreifbar, ja fassbar machen durch Körper.

Die Gürtelschnalle schepperte beim Durchziehen des Lederriemens. Mit dem Eingreifen des Schnallendorns in die letzte Lochung des Riemens, dem Einziehen desselben in die Schlaufen des Gürtels & der Hose hatte sah er sich gewappnet gegen die Angst.

Er selbst vor dem Spiegel.

„Jetzt bin ich angezogen.”

Ihn fror nicht mehr.

 

Stella sah ihn mit großen Augen an.

Hatte jene großen Augen, die sie im Augenblick des Überrascht Werdens im Erstaunen bekam, in eben jenem kurzen Moment, der wie eine Sternschnuppe aufleuchtet, wobei für Gelder immer die Schwierigkeit bestand, den Grenzbereich zwischen Erstaunen & Erstarren genau festzulegen & dementsprechend zu reagieren.

„Du gehst?”, Stellas Augen groß, rund.

„Ja. Ich gehe.”

Ein Stimmklang in der Bestimmtheit seiner Aussage ließ Stella gleich nachschießen:

Sofort, natürlich.”

Da er darauf nickte, verkleinerten sich ihre Augen wieder, kein Zwiespalt im Blick, Gelder war erleichtert.

Ein gutes Zeichen.

„Ich könnte jetzt gehen, warum gehe ich nicht? Sofort.”, dachte Gelder gleich anschließend, still verharrend.

Es war auf einmal ein Band um sie, ohne Wort, ein stilles Band, von dem er sich nun mit ihr umschlungen sah, wo sie doch die letzten Tage immer ein Wortband gebraucht hatten über die gestische Verständigung hinweg zur gegenseitigen Annäherung, wo sie sich doch zuletzt immer nur verstanden hatten im Wort:

                                      auf liebste weis´

Es ist nur der Mond.

Aber dessen Licht reicht aus, die Szene zu erhellen.

Das Mondlicht lässt alles ganz leicht durchsichtig erscheinen, verleiht der ganzen Szene einen Schleier der Einzigartigkeit, ja der Einmaligkeit oder gar Unwiederbringlichkeit in der Erscheinung.

Ein weißes Mondlicht, das weiße Schenkel hat & diese Schenkel weiß hinaussplittert ins Nachtdunkel: Lichtkreisel & Lichtkringel spielen spiegelnd über die bewegte Wasseroberfläche des nahen Baches auf den Blättern eines Olivenbaumzweiges, springen einfach über im Licht ins Geäst & spielen Kreisreia; ein tanzendes Kringelolivengewächs, das ihn da selber einkreist & einwickelt in seine silbernen Fäden; weiße Schenkel werfen stahlgraue Schatten auf silberne Kringel; dazwischen eingefaltet der Rock in sachte Wellen, deren Rundung ab & zu aufplatzt durch springende Luftbläschen: das Wasser als elementares Spiel: Wasserschenkel schlagen oliv-blaugraue Bläschen; & immer wieder der Mondschein, der dazwischenblinkt.

Stella liegt regungslos, nur entblößte Schenkel ragen aus ihrem weißopaken Rock, vielleicht lächelt sie, weiß nicht, ihr Gesicht ist Mond, lächelt der?; ein Kreisrund als Gesicht, dann bewegen sich die Lippen in diesem Rund, Stella sagt irgendetwas, weiß nicht was, was nichts zur Sache tut als weiterhin weiß färbt; da der Mond & Stella spricht wie Mond & Stella spricht Mond weiß; Nike wie Mond; die Weißschenkel beginnen leicht zu vibrieren, nein ich vibriere! & splittern zurück in den Mondkreis; das Zelt färbt sich rot & blau; Glasfarbenlicht; als wäre es erfüllter Wunsch; die Röte dominant scheinend, die Bläue hält die Szene fest wie das Zeltgerüst das Leinen; dazwischen mehren sich tummelnd die Schenkel, sich reibend aneinander, einzelne Mondsplitter abschüttelnd.

Mit Stella ein Versinken im Wasser & die Wellen schlagen über ihm ein.

Die Vibrationssplitter überfliegen ganze Landstriche, in ein in die Weite gezogenes Land, das noch zu Fuß begangen sein will, denn ein Fahrzeug steht nicht zur Verfügung; Gewitterwolken verdunkeln den Mond, ein Blitz entlädt über den Donner Wasser vom Himmel, tränkt das Leinen der Zelthaut & lässt das nasse Tuch fallen auf ihre dampfenden Häute.

Stella Europa auf nassem Stier.

Gefangen in nassem Tuch.

 

„Und deine Arbeit, die begonnene?”, fiel Stella wieder zurück ins Verhältnis im Wort.

„Du weißt ja, dass ich ein Meister im Beginnen bin. & ein Meister im Unterbrechen einer begonnenen Sache.”

Er wollte eben ansetzen, sie an sich zu ziehen, Körper an Körper, um einen Geruchszugang zu ihr zu finden, riechen an ihrem Nacken ohne ihr darauf ins Ohr flüstern zu müssen: „Du riechst…”

Was ließ in seinem Kopf Bilder als Ersatz für die in der Beziehung zu Stella vordergründig wortstarke beschreibende Annäherung schaffen?, die Erinnerung zu Erinnerung an Geschehenes werden, wo er doch immer die gegebene Annäherung ohne Wortumwege gesucht hatte, diese aber wohl nie im Umgang mit Stella selbst gefunden hatte als im Umgang mit der Kraft der Erinnerung, die in ihm unwillkürlich verändert wurde oder durch ihn vielleicht auch willentlich manipuliert werden konnte, indem er Erinnerung an Kopfbilder, wie er dies gern bezeichnete, als Erinnerung an Geschehensbilder annahm.

„Manisch der Phantasie abtrünnig”, hatte ihm ein befreundeter Arzt attestiert, „ich glaube, du bist zu sehr auf Kriegsfuß mit deiner eigenen Arbeit als Maler auf dem Schlachtfeld der Wiener Phantasten. Geh weg aus Wien. Weg von Makart, Freud & Co.”

So wie er eben auf diese Erinnerungssequenz aus seinem Leben mit Stella gesehen hatte mit unbekümmert offenem Herzen, unvoreingenommen, denn Erinnerung nimmt ja oft ein mit ihrer atmosphärischen Verklärung, freien Herzens darauf zuging, verlor auch schon das ganze Geschehen an Authentizität, er konnte dieses Sieb, diesen Erinnerungsfilter aus seinem Kopf nicht entfernen, wodurch für ihn diese Kopfbilder immer an Brillanz verloren: Wahrscheinlich war es damals schon Kopfbild & existierte nun nicht mehr als ein Dunkelbild seiner Stammhirnerinnerung: lichtzersplittert.

Wollte er deshalb den Weg der Malerei gehen?

 

Nachthimmel über dem neunten Wiener Gemeindebezirk.

Simon Gelder daselbst im Alleinsein, sogar hinweg über dieses esoterisch abgewrackte All-Eins-Sein & doch mit beiden Beinen fest verankert im Boden wie zwei Rebstöcke im Löss, ein Zustand, den man konzis Weinsein benennen könnte, um sich sprachtechnisch ein bisschen über jemandes poetische Unfähigkeit lustig zu machen, ohne ihn vor anderen prosaisch lächerlich flach erscheinen zu lassen:

Sämtlich normative Bewusstseinszustände bei Seite geschoben, selbst der vorangegangene Befindlichkeitsorientierungslauf ohne Bedeutung für den Augenblick.

Ein klarrundes Weinglas vor sich wie eine Hoffnung, die nach Aufnahme der zur Fassung durch das Glas bestimmten Flüssigkeit schreit:

In diesem lauter Sein fand Gelder am selben Tag sich selbst gefasst in den Räumlichkeiten einer Schenke, ohne zu wissen, wie er durch die Türöffnung, – der Türflügel war an die Wand geschlagen -, hereingekommen war & auf dem Stuhl an einem Tisch Platz genommen hatte.

Sein Blick fing sich im Glas vor ihm auf dem Tisch in der darin gefassten hellen Flüssigkeit. Ein Beobachter hätte ihn vom Tresen aus erstarrt ins Glas stieren gesehen, doch die Barhocker waren leer & auch kein Mundschenk war dahinter auszunehmen. Sein Blick löste sich in der Flüssigkeit im Glas auf, suchte erkundend, ja wanderte darin, um die Beobachtungen ans Gehirn weiterzuleiten wie:

„Die Farbe erscheint hellgelb, versetzt mit einem leichten Unterton ins helle Grün & einem etwas stärkeren Oberton ins Bernsteingelbe.”

– „Diese Bernsteinfärbung könnte jedoch von der gedämpften Beleuchtung durch Glühbirnen im Raum, der leichte Grünton von der Reflektion der grünen Stuhl- & Bankbezüge der Einrichtungsmöbel herrühren”, meldete sich seine Bildbearbeitungsintelligenz & ließ seinen Blick abschweifen, um diese Theorie der Herkunft der Farbreflektion zu überprüfen. Dabei streifte dieser Blick in einem Augenwinkel die Erscheinung einer Frau, zumindest schien es ihm zuerst, dass es sich dabei um ein weibliches Wesen handelte. Den Blick zurück wieder auf das Glas vor ihm geworfen, wirkte dieser Körper in seiner Erinnerungserscheinung schlank:

Ein Körper, der in erstaunlicher Zartheit sich zur Zierde seines sinnlichen Seins im Weinglas hochrankte, seinen am Tisch kauernden Körper empfänglich machte für zuvor ungeahnte Reize, die sich durch diese Erscheinung allein imaginär ankündigten. Dieser grazile Körper faltete sich beim Nähern der Körperöffnungen dem Glase zu wie eine Knospe zur Blüte, die einen wundersamen Duft ausströmte & ihn zu mehr als zum Empfangenden machte, ihn vergessen ließ dieses Gelb oder Grün, ja eine Aura ausbreiten ließ, die sich vom Blumenkelch zu einem See an sinnlichen Empfindungen weitete, die ihn zu träumen beginnen ließen.

– Erst eine dunkel über die Glaswölbung huschende Reflektion zündete seine Gehirnfunktion wieder, schloss direkt an die Vermutung kurz, dass die Reflektionsfarbverfälschung wahr sein müsste, aber dies draußen, mit vor Augen gehaltenem Glas im Tageslicht zu überprüfen, wie ihm sein Intelligenzvormund zuallererst als nächsten Schritt vorschlug, schien ihm nun müßig zu sein, da sich diese helle Gestalt dermaßen in seine Retina eingeprägt hatte, dass sich seine Augen durch eine leichte Kopfbewegung sofort wieder Deckung der Realprojektion mit ihrem Retinastempel suchten. Bloß fand sich auf dem Bild nun eine zweite Erscheinung, die von seinem Gehirn sofort als „Wirt” identifiziert wurde, vor allem, da sie mit einem Glas voll roter Flüssigkeit operierte, dieses Glas auf dem Tisch vor der Gestalt platzierte & sofort wieder verschwand. Sein Blick traf kurz die dunklen Pupillen der Frauengestalt, schwenkte dann an die Bar, woher Geschrei gekommen war, um festzustellen, dass sich ein paar Leute davor gruppiert hatten. Doch verursachten die beiden in seine Retina gerissenen Punkte Schmerzen, sein Blick musste sofort zu diesen beiden schwarzen Löchern im Antlitz der Frau in der Raumatmosphäre zurückkehren.

Eine Erhellung seiner Gesichtszüge zeigte an, dass ihm diese Rückkehr mit Schmerzbefreiung vergolten wurde.

So erschien es zumindest Dambruch, der mit der Gruppe den Raum betreten & an einem der Barhocker Platz genommen hatte.

Dambruch war zwar Weinkenner, legte aber keinen besonderen Wert darauf, sein Wissen auch willentlich zu konsumieren, bestellte also einen „Roten”, da er mit den anderen zuvor schon Rotwein in etlichen Runden genossen hatte & ließ dabei jegliche Sortenbezeichnung unter den Tresen fallen. Dagegen übte er sich berufsbedingt sorgsam in der Beobachtung seiner Mitmenschen, vor allem jener, die offenbar derselben Krankheit wie er, dem Voyeurismus, anheim gefallen sind, & derer an Zahl es mehr gibt, als man glauben möchte. Dann findet er als einfacher Jäger ein Opfer erhöht in einem ertappten Jäger, einerseits einen Leidensgefährten aus philantropischer Sicht, andrerseits weniger menschenfreundlich die Steigerung seiner voyeuristischen Absichten, da dieses Opfer mit subjektiv anderen Beobachtungsmustern & -riten ausgestattet seine eigene Lust an der Observation noch mehrt. Wie ein Kannibale, der sich die Kraft des Feindes durch den Verzehr desselben einverleiben will.

Wie gesagt, er war Weinkenner, & irgendein Impuls drängte ihn plötzlich dazu, das Glas Rotwein vor ihm auf dem Tresen, besser den darin gefassten Inhalt zu analysieren in Farben & deren Nuancen, Lichter & deren changements. Er sah sich sogar dahin getrieben, den Flüssigkeitskörper mit den Augen zu ertasten & dessen Erscheinung in Worte zu kleiden.

Was war geschehen?

Er erinnerte mich an sein Opfer von zuvor & wandte seinen Blick ihm zu: Es schien dieselbe optische Degustation des Weines im Glas vor ihm vorzunehmen, ganz so, wie er das zuvor getan hatte, & schwenkte mit eben derselben Abruptheit wie er zuvor seinen Blick auf ihn. – War er als Jäger ertappt? War er gar Opfer, ohne dies vorher bemerkt zu haben? War dieser Typ gleichgeschaltet in seiner Perversion, suchte er Jäger als Opfer wie Dambruch selber?

Es war schlimmer:

Er fühlte mich gar nicht mehr beobachtet & ertappt, nein, beider sich treffende Blick schien ident, war ein Blick, er sah kein Opfer mehr, sein Blick traf auf keine Augen, keine Augen trafen auf seinen Blick. Der Augenblick war einfach ausgeschaltet. Da war nur wieder dieses Glas mit der Flüssigkeit & diese changierenden Lichter, plötzlich auch Reflektionen & Spiegelungen darin. – & eine helle Erscheinung, die sich breitmachte, weitete & Dambruch veranlasste, das Glas zur näheren Betrachtung zu heben, über den Glasrand zu lugen & mit seinen – ja, waren es seine? – Augen in zwei schwarze Löcher in die Raumatmosphäre fallen zu lassen. Er wäre mit meinem Blick wohl ins Endlose gestürzt, hätte er sich nicht wieder sein Opfer ins Bewusstsein rufen wollen: Doch es war weg, verschwunden, kein Mann mehr, der eine Frau anstierte. Seine Augen zuckten zurück zu dieser Frau, in ihre Augen, die sie mit ihrem Kopf leicht geneigt hielt & mit einer kurzen Armbewegung das Glas vor ihr vom Tisch hochhob & scharf über den Glasrand durch kurzes Zucken ihrer Augenbrauen mir anscheinend ein Prosit zuschickte. Dabei versank ihr rotes Lächeln in dem von ihr hochgehaltenen weinrot gefärbten Glas, um kurz darauf wieder zu erscheinen, mit den Lippen ihres Mundes sich zu öffnen & den Wein zu empfangen. Dambruchs Lippen berührten ebenfalls den kühlen Rand des Glases, das er erhoben hielt & über dessen Wölbung er noch immer das warme Rot ihrer Lippen im Weinrot versinken sah, verschwinden in einem Meer roter Bilder & rot schäumender Wogen, überschwappend sein Gemüt, der er die Lippen wie die eines Ertrinkenden im seichten, doch heftig bewegten Wasser hilflos nach Luft schnappen fühlte.

Als sich die Wogen geglättet hatten & Dambruch wieder ungehindert Luft atmen konnte, stellte er fest, dass sich in dem Glas in seinen Händen Weißwein & er selbst sich nicht mehr am Tresen befand, sondern an einem Tisch, auf einem Stuhl saß, & seine Geschmacksnerven sandten noch immer Bilder an sein Gehirn, doch dieses schien irritiert:

Denn da sah es plötzlich eine sich weit ausdehnende, trocken ausgebaute Ebene, spürte leichte Säure im Ansatz zu einer Hügelbewegung, die metallisch flach ausklingend den Schlund passierte, dann in die Tiefe sich öffnete wie ein weißer feingliedriger Blütenkelch, als gäbe es keine Peristaltik oder Gravitation & als hätten sich Luft- & Speiseröhre zu einer einzigen Säule gedreht, die sich langsam aus meinem Steißbeinbereich heraus vom Solarplexus geküsst über die Wirbelsäule gebogen den Rumpf hoch dem Kopf zu zur Lotosblüte hin öffnete durch Kundalini.

Die Frau wickelte kokett die schillernde Perlenreihe an ihrem Busen um ihren schlanken Zeigefinger wie eine Andeutung ihrer Begierde nach einer Vereinigung ihrer zartweichen Haut mit der glattharten Perlmuttoberfläche der Kügelchen um ihren weißen Hals.

Gelder hingegen sah sich wohl nicht mehr befähigt, diese Wahrnehmung zu erhaschen, denn er war mit seinem ganzen Körper aus der Umfassung seines Stuhles geschnellt & schrie laut „grand cru!” in den Schankraum.

Dambruch war weniger überrascht darüber als über den Umstand, dass er wieder am Tresen bei seinen Freunden lümmelte, die sich alle verwundert dem Schreienden zuwandten. Er stürzte seinen Roten aus dem Glas hinunter, dessen Feuer ihn dann durchglühte bis in die Zehenspitzen.

Der Wirt war herbeigeeilt & besänftigte Gelder, der auf Französisch noch einige Schimpfwörter in den Schankraum geschleudert hatte.

Wohl müßig zu erwähnen, dass die Frauengestalt nicht mehr erschien.

 

 

 

* letzte Sätze aus den Büchern:

B.TRAVEN / DAS TOTENSCHIFF

UMBERTO ECO / DER NAME DER ROSE

MALCOLM LOWRY / UNTER DEM VULKAN

JAMES JOYCE / ULYSSES

FRANZ KAFKA/ DER PROZESS

**DIETER SCHERR / CODAC

 

                                                                                                                                                 

II

PUNKT

Der Klang des mit dem Punkt gewohnheitsmäßig verbundenen Schweigens ist so laut, dass er die anderen Eigenschaften vollkommen übertönt.
                                                                                               Wassily Kandinsky

„Wir werden dort angeln, und du auch”*

Ein mitteleuropäische Geist wohlgenährt mit mytho- & etymo- logischen Nährstoffen, logos, wie er sich fand an der Peripherie des Kontinents, in einem Körper, leicht vibrierend durch die Kontinentalverschiebung im Hafen von Piräus.

Die Regenbogen der schillernden Gekräusel der Petrolachen auf den an den Pier & die Schiffskörper patschenden Wellen brachen durch die Erdvibration noch einmal in Stücke als hätte er kleine Prismenstücke ins Wasser geworfen.

Wie aus einer Höhe gefallen, die Johannes Dambruch nie erklommen, aus der Dambruchs Körper sich auch nicht wegbewegen gefunden hatte eingeschweißt in den Rumpf eines Flugzeuges über geistig nicht nachvollziehbare Distanz fortbewegt worden, fugenverschweißt, genietet & verschraubt metallisch glänzend ein Flügel aus dem Auge stechend in Wolkenhaufen, gelegentlich scheppernd Turbulenzen seines Körpers über Lautsprecher als Folge der Wetterlage ans Ohr erklärt.

Ihm gefiel der Gedanke, dass er aus der 18-Meter-Meereshöhe des Airport Wien/Schwechat auf den ursprünglichen Ausgang Messstelle Nullpunkt Piräus befördert worden war; über Normalhöhennull zurück zu Normalnull; nein, er liebte sogar diesen Gedankenflug durch die Vorstellung von imaginären Mittelpunkten & Nullpunkten des menschlichen Messungsgebarens, rein die Imagination, dass er sich noch immer innerhalb der Grenzen einer in diesem Moment politisch real existierenden Europäischen Union befand, deren geografisches Zentrum sich durch den erst kürzlich deklarierten Beitritt der Länder Rumänien & Bulgarien auf 9° 9´0´´Ost / 50° 10´21´´Nord auf den deutschen Ort Meerholz verschoben hatte, diese Vorstellung allein setzte ihn in verbal aussprechbares Verzücken: „Meerholz”, artikulierte er, nach etwaigem Treibholz das Wasser im Hafen absuchend, um ein mögliches Bild als souvenir von der Unionsgrenze einzufangen; um dann, nachdem sein Blick bloß eine schaukelnde Boje erfasst hatte, diesen zum Horizont hin schweifen lassend vor sich herzusagen:

„Normalnull.”

Die Fahrt zuvor im Bus vom Flughafen Athen zum Schiffshafen Piräus war eine Lehrstrecke in Geduld & Dauer gewesen: der Euro-Bus war abgefahren mit deklariertem Ziel, jedoch schien keiner der Planer dem Chaos des Individualverkehrs Rechnung getragen zu haben. Mithilfe einer Glasperlenschnur, dem Tespih des Orientalen, konnte Dambruch die Vereitelung der Weiterfahrt durch eine warn blinkende Karosserie mitten auf dem engen Straßenzug in Einheiten erwägen & in Geduld sich üben: denn wiederholtes Hupen des Buschauffeurs rief niemanden & nichts herbei als den Gedanken: Im Leben gibt es unerwartete Situationen, die man im Stand verbringt & die man im Nachhinein als Lauf bezeichnen wird. Der so genannte Lebenslauf ist ja im Prinzip nichts anderes als ein im Stehen imaginierter Lauf. Die abgelaufene Distanz stellt man sich mit fortschreitendem Alter aus der Distanz der Erinnerung an den ersten 100-Meter-, den ersten 400-Meter- an den ersten Marathon-Lauf vor, ohne jedoch die 100 Meter, 400 Meter oder 42,2 Kilometer nochmals abzuschreiten, geschweige denn zu laufen. Man glaubt sich der Erfahrung aus der Erinnerung gewiss, sowohl der des Geistes als auch der des Körpers, als ob es genügte, das Datum der Rekordzeit im 100-Meter-Lauf in seinen Lebenslauf aufzunehmen, als könnte man damit jemandem seine eigene Erfahrung erinnern , wo doch dieser seiner eigenen Erinnerung an Erfahrung verhaftet ist, womöglich noch nie einen 100-Meter-Lauf oder Marathon getätigt hat oder diese Strecken gar in Weltrekordzeit gelaufen ist: bei der Verfassung einer curriculum vitae also, eines Lebenslaufes, hat man aus dem Stand den eigenen status quo dermaßen festzulegen, dass er für mögliche Rezipienten wie den schwergewichtigen Nachbarn, den man im günstigsten Fall bei körperlichen Tätigkeiten wie Schneeschaufeln oder Nusspossen erwischt, wie auch einen Carl Lewis, den man gerade bei seinen Vorbereitungen zum Sprint in die neue Weltrekordzeit gesehen hat, nachvollziehbar ist.

Jedenfalls beginnt bei der Erstellung eines so genannten Lebenslaufes aus der eigenen Erinnerung die Stoppuhr des Zeitlichen zu klicken; & dies immer öfter mit zunehmenden Laufdurchgängen in verschiedenen Laufstrecken.

Währenddessen sieht man den anderen Nachbarn diesen Winter höhere Schneehaufen errichten als letzten Winter oder diesen Herbst weniger Jutesäcke mit Nüssen füllen als letzten Herbst, einen anderen Winter mangels Schnee auf seiner Bank vorm Haus im Gesicht durch die Wintersonne glänzen oder eines Herbstes gar seine Nüsse auf dem Gartenboden verrotten, nachdem seine Frau den Sommer zuvor gestorben war. Dazwischen vernimmt man, dass Carl Lewis bei den Olympischen Spielen seinen letzten Rekord im 100-Meter-Lauf abermals gebrochen hätte, ganz gemäß der Tatsache, dass jede Zeitmessung im Profisport von Jahr zu Jahr schneller sich auf die als bestmöglich angenommene Idealmarke 0 hinbewegt, also eigentlich auf die Auslöschung jeglicher Bewegung der teilnehmenden Läufer hin gerichtet ist, wenn der viel zitierte Olympische Geist die Stoppuhr drückt.

Wie dieser entflammte Geist seine Todesflügel schwingt & dabei auf den Sturz des Ikarus sich einlässt.

Sonne schien nicht mehr.

Ein Platzregen, begleitet von furchtbarem Blitzen & Donnern.

Die Menschen in den Straßen Athens zuckten zusammen, die Mofafahrer erhöhten mit zusammengestauchtem Hals, hochgezogenen Schultern & verbissenem Gesicht die Geschwindigkeit ihrer Gefährte, die Fußgänger begannen zu laufen oder zumindest rascheren Schrittes zu gehen, Taxis wurden gerufen & angehalten. Die Straßen wandelten sich derweil in Bäche, die solange in Gullys mündeten, bis diese überliefen & die Straßen zu Flüssen machten. Der Bus bewegte sich wie ein verbautes Schiff dem Hafen von Piräus zu, über dem das das leicht weiß geflockte grell durchzuckte graue Himmelstuch zusammenwuchs mit der schweren gischtgesprenkelten grauen Meeresmasse, die weißen Fährschiffskörper wie Ballons durch Luft getragen dazwischen.

Der Bus hielt, legte an wie ein Schiff, nur die Taue fehlten, & Dambruch wurde entlassen in die vom Himmel stürzenden Wassermassen eines Wolkenbruchs, er lief behende quer durch den Straßenfluss über die Furt einer leichten Erhöhung, seinen Füßen dennoch bis zu den Knöcheln in Wasser klatschend, bis er mit aufgeweichtem Schuhwerk in den ersten Unterstand stolperte, der sich als Vordach eines Ticketbureaus offenbarte:

„It´s no good time for travelling!”, der Empfang, ein gewaschener.

“We can´t choose the conditions.”, wunderte er sich über seine Schlagfertigkeit. Ein Blick auf die Beschriftungen an den Glasscheiben & Wänden sagte ihm, dass hier ein Ticket für jederzeitige Überfahrt auf irgendeine Insel der Ägäis  käuflich erwerbbar war.

„Ikaria!”, brach aus ihm heraus, als er gänzlich durchnässt vor einem Schalter stand

„Agios Kirikos?”, die bestimmte Frage nach näherer Destination, die sich gänzlich seines Gedächtnisses entzogen hatte, wie er feststellte, dann erinnerte er sich:

„Ne. – Agios.”

Nebenbei erfuhr er, dass es einen anderen Hafen auf Ikaria gäbe.

„Malina ist he name of your ferry-boat, Agios Kirikos the destination,”, erfuhr er noch, als er zahlte.

„Ne”, erwiderte er, als wäre er von Anfang an seiner Sache sicher gewesen.

„Malina – Alter, dem Aussehen nach, unbestimmbar, heute vierzig Jahre alt geworden, Verfasser eines Apokryph, das im Buchhandel nicht mehr erhältlich ist & von dem in den späten fünfziger Jahren einige Exemplare verkauft wurden…”, fällt ihm Ingeborg Bachmanns Beschreibung der Hauptperson ihres gleichnamigen Romans ein, als er nach dem Regenguss die zahlreichen Schiffsbuge nach diesem Namen absuchend den Pier entlang schritt. Wie kommt dieser Name hierher, nach Piräus? Wer war überhaupt dieser Malina ?

„Staatsbeamter der Klasse A, angestellt im österreichischen Heeresmuseum… ohne sich je bemerkbar zu machen… an den Prozeduren & schriftlichen Vorgängen zwischen dem Verteidigungsministerium am Franz-Josephs-Kai & dem Museum im Arsenal…”, erinnerte er sich weiter an Bachmanns Personenbeschreibung; er hatte den Roman „Malina” in seiner Jugend, durch Bachmanns Lyrik entflammt, nur angelesen & wusste sonst nur noch, dass dieser Bachmanns erster auch ihr einziger geblieben war, „geschichtlich gebildet” , was er wie nach Bachmann auch Malina war, wusste er auch, dass hier in Piräus auch Dampfer der österreichisch-ungarischen Monarchie angelegt hatten, aus Triest oder sonst woher kommend & hier sogar die Hauptstation des österreichischen Lloyd ihren Sitz gehabt hatte.

Aber jetzt – heute – fiel ihm ein, dass Bachmann die Zeit Malinas literarischer Existenz mit eben „heute” angegeben hatte, eine Angabe, die sie sich laut eigener Worte lange überlegen musste, da man sofort alles vernichten müsste, was über dieses Heute geschrieben würde, ganz so wie in ihm augenblicklich alle angelesen inspirierte historische Nachdenklichkeit zerstäubte, als er den Schriftzug Malina an einem Schiffsbug aufgemalt sah.

Wie auch hier heute in Piräus solche Geistesgänge denn nicht einen Gedankenflug wert sind, nur hinderlich an der eigenen Beweglichkeit & Aufmerksamkeit, wo hier die Hafenidee perfektioniert angelegt hat in Form von Schiffsklumpen in Öllachen schaukelnd, fort geflogen die weißen Ballone von zuvor, jetzt dümpelnde schwimmende Wannen, ent- & beladen, Waren- & Menschenmassen rein- & rausgeschoben, Landfahrzeuge aller Art raus- & reindrängend, gar überlange Sattelschlepper, long vehicles, die am Pier etliche Male reversieren müssen, unglaublich, dass diese Wagenschlangen jemals in den Schiffskörpern verschwinden würden, aber dann doch alle geschluckt werden von ihnen.

Wasserschlangen verschlingen Landschlangen.

Dann schwappt der Ölfilm durch die schweren Gewichte angeschoben noch blubbernd teigig hoch an den Piersteinen, Beton- & Schiffswänden & übertüncht damit jeden womöglich noch abwegig nachfolgenden Gedanken im Ankommenden wie Abfahrenden mit einer schlabbrigen Gedankenisolierschicht.

„Das Wissen ist erhaben über die Information, die sich als seine Mutter glaubt.”, war sein erster klarer Gedanke danach, einer weißen Gischtfahne auf der Fähre Malina nachblickend, die wehend das Fährschiff allmählich aus dem Hafenölfilm ins offene Wasser hinaus löste; eine sammetartig weiße sich hinter dem Schiffsheck ausbreitende Fläche ohne feste Form schlängelnd als Schweif der Wasserschlange, deren Fortschwimmen ihn an die Heckreling gelehnt die immer zarter werdenden Landstriche am Horizont in dieser Fläche versinken sehen ließ.

Die Wasserschlange hatte auch ihn verschluckt & schlenkerte mit ihm im Bauch der Nacht entgegen. Er kauerte in einem der Sitze, die wie in einem Jumbojet angeordnet waren. Die Gänge zwischen den Sitzen verstopften Leute in Schlafsäcken, sogar an den Wänden hatten sich Passagiere gereiht. Es stank & war schrecklich laut, vor allem die Laute aus dem Fernsehgerät an der Front in Fahrtrichtung übertönten noch die Stimmen im Saal: die Meisten hatten ihren Blick gespannt darauf gerichtet, es lief eine Sendung über die Endergebnisse der Auszählung der Stimmverteilung der Wahlen desselben Tages in Griechenland. Er führte noch ein kurzes Gespräch über den Fischfang mit seinem Sitznachbarn, einem Skipper, der aus dem Persischen Golf kommend auf Heimaturlaub fuhr, nach Ikaria. Dann nickte er ein.

„…next stop in Furni…”

Um Mitternacht schreckte er hoch aus seinem Sitz, durch eine verzerrte Lautsprecherstimme geweckt. Furni? – War dies nicht eine Insel zwischen Ikaria & Samos gelegen? Er blickte um sich, der Saal war zu zwei Drittel geleert, der Ikariote von vorhin auch nicht mehr auf dem Sitz neben ihm, im Fernseher liefen Berichte auf CNN über den amerikanischen Wahlkampf, eine weiße scheingedrechselte Kulissenbalustrade stürzte unter dem Gewicht eines sich abstützenden Bob Dole in sich zusammen & der Kandidat mit ihr:

Im Leben gibt es unerwartete Stationen, durch die man stolpert oder gar stürzt, er musste an den Ausrutscher des amerikanischen Präsidenten Gerald Ford auf der Ausstiegleiter am Flughafen Schwechat denken, aber im Bestreben nach Kontinuität verschweigt man im nachhinein diesen, & Gerald Ford wird in der Erinnerung vielleicht durch Ronald Regen oder sonst einen Nachfolger ersetzt, und letztendlich wird man von einer Fahrt sprechen.

Jedenfalls war es ein amerikanischer Präsident.

War es Amerigo Vespucci oder Christoph Columbus oder Eric der Rote, der zuerst auf amerikanisches terrain stolperte?

Jedenfalls war da eine Überfahrt, die voranging….

 

Auch eine Irrfahrt ist danach eine im Sturz imaginierte Fahrt.

 

Die sturzhaft abgefahrene Distanz stellt man sich mit fortgeschrittenem Alter aus der Distanz der Erinnerung an die erste 1-Kilometer-, die erste 10-Kilometer- oder an die erste längere Aus-Fahrt vor, ohne jedoch die 1-Kilometer-, die 10-Kilometer-Fahrt oder die Reise auch nochmals zu tätigen, geschweige denn mit demselben Gefährt. Man glaubt sich der Erfahrung aus der Erinnerung gewiss, sowohl der des Geistes als auch der des Körpers, als ob es genügte, das Datum der Fahrtzeit der 1-Kilometerdistanz auf seinem Fahrtenschreiber notiert zu haben, ganz so als könnte man damit jemand anderem seine eigene Erfahrung erinnern, wo doch dieser seiner eigenen Erinnerung an Erfahrung verhaftet ist & womöglich noch nie eine 1-Kilometer- oder gar Urlaubs-Fahrt getätigt hat oder die Möglichkeit einer Irrfahrt sich gar nicht vorstellen kann & außer Acht stellen möchte, ja vielleicht sogar jahrelang von einer solchen gar nicht zurückgekehrt ist: bei der Vorstellung von Fahrtenschreibern hat man also mögliche Rezipienten wie die zurückgezogen lebende Nachbarin, die man im günstigsten Fall auf dem Fahrrad in den Supermarkt einkaufen fahren oder zu Fuß in die Kirche gehen sieht, als auch einen Christoph Ransmayr mit seinen neuesten Wortschöpfungen aus seiner letzten Odyssee zu berücksichtigen.

Jedenfalls beginnt beim Einlegen einer Scheibe in den Fahrtenschreiber aus der eigenen Erinnerung die Stoppuhr des Zeitlichen zu klicken; & dies immer öfter mit zunehmenden Fahrtabständen in verschiedenen Zeitabmessungen.

Währenddessen sieht man den Nachbarn diesen Frühling einen metallenen Einkaufskorb auf das Fahrrad seiner Frau montieren, den Sommer darauf sie aufrecht stolz darin verschiedenste Waren transportieren, einen anderen Frühling nicht nur zu Fuß zur Kirche, sondern auch zum Supermarkt gehen & eines Sommers gar nicht mehr aus dem Hause treten, nachdem ihr Mann den Frühling zuvor gestorben ist. Dazwischen vernimmt man, dass Christoph Ransmayr aus seiner Welt zurückgekehrt ist, um in Kopenhagen den Aristeion-Literatur-Preis entgegenzunehmen, nachdem er erst vor kurzem sein neuestes Buch vorgestellt hat; ganz gemäß der Tatsache, dass die Vermarktung der Publikationen von Irrfahrtenschreibern von Jahr zu Jahr schneller auf die angenommen bestmögliche Idealmarke 0 sich hinbewegt, also eigentlich auf die Auslöschung jeglicher Bewegung der Irrfahrtenschreiber hin gerichtet ist, wenn der herrschende Geist des global net die Stoppuhr drückt.

Wie dieser entflammte Geist seine Todesflügel breitet & der Sturz des Ikarus dabei bereits mitschwingt.

Die Sonne schien.

Versteckt hinter den Hügelzügen der Insel Samos spiegelte sie über eine Wolkenfahne um den höchsten Hügel ihr Leuchten in den türkisblauen Himmel, dessen Umarmung wiederum den tiefblau leicht bewegten Meeresspiegel mit kleinen Lichtsprengseln aufhellte. Tiefblau – in seiner Wirkung auf die Sinne – zu beschreiben erschien ihm wie morgendliches Tiefseetauchen ohne Taucherbrille, Schutzanzug & Sauerstoffflasche. Zuerst ganz tief tauchen, solange es geht, & dann ist da einmal gar nichts als die immer kürzer werdenden Armbewegungen; schon gar nicht Blau, vielleicht bloß eine leise Ahnung davon.

Wenn die Lunge zu bersten & Atemnot einzusetzen droht, dann muss man anhalten & sich frei schwebend im Wasser treiben lassen; am äußersten Punkt, knapp vor dem Wahnsinn, der den Vorgang des Ertrinkens startet, zügig zur Wasseroberfläche hoch tauchen ohne Rücksicht auf die bestehende Notwendigkeit zur Rast, des Druckausgleiches wegen: kurz vor dem Auftauchen in die Atmosphäre wird sich der Eindruck von Tiefblau einstellen, nicht nur vor Augen, sondern den ganzen Körper ergreifend, das ganze Bewusstsein erfassend & wird mit haftender Wirkung noch anhalten während der ersten tiefen lebensrettenden Atemzüge, mit denen man seine Lunge an der erreichten Oberfläche schwimmend leert & wieder füllt; im Abklingen des tiefblauen Eindruckes wird dann der azureelinien-schlagende Meeresspiegel ultramarin leicht ins Auge blinken, der Azur des Himmels durchblitzen, dann ein leichter Rotton sich wellengemischt in dem noch vorherrschenden Tiefblau sich beimengen, da einem beim allzu schnellen Auftauchen ein Äderchen des Augapfels geplatzt ist, ein neuerlicher Eindruck an Farbigkeit, den man Indigo nennen mag, wird sich einstellen & lässt einem die Ahnung der Geburt einer Idee gewahr werden, deren Tod schon eingeboren im Sturz des Menschen Ikarus in eben selbes Wasser, wie auch die Sonne bei gewissem Stand einen leichten Hauch von Rot über das Tiefblau des abendlichen Meeres zieht & dieses noch unergründlicher erscheinen lässt.

Dann werden sich die Umrisse des Bootes oder die Schemen des Landes, von wo aus immer man sein Experiment der Anschauung gestartet hat, aus dem Farbenrausch sich abheben & man wird sich versucht sehen, mit schnellen Schwimm- & schweren Atemzügen möglichst bald eines dieser Ziele zu erreichen.

Andrerseits bestünde auch die Möglichkeit, auf den etymologischen Gebieten der Herkunft der Umschreibungen von Tiefblau Jagd zu treiben: Indigo, Preußischblau, Phtaloblau, Manganblau: doch dieses Unterfangen ähnelte wohl dem Versuch, einen indigenen Preußen auf Phtalo-Jagd nach Mangan zu schicken oder von dort jemanden auf Expedition „Blausuche” nach Preußen. Käme er fündig zurück & versuchte in seiner Sprache seinen Fund zu beschreiben, keiner würde ihn verstehen.

Denn es gibt keinen verbalen oder optischen Ersatz für eine farbliche Befindlichkeit, auch wenn dies von Künstlern mithilfe des Wortes oder Bildes immer wieder versucht wird.

Es wäre banal, das Schreiben , Beschreiben eine Farbzustandes, was immer das sein mag, um einen Grund kreisen zu lassen wie einen farbenprächtigen Korallenputzer ohne die Korallensiedlungen in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen, denn es sind wohl diese Korallen, die einen nach unten in die größten Tiefen treiben, die auch die Putzer nähren & schillern lassen, die dem menschlichen Auge näher stehen als die Korallenputzer selbst

IV

RAUM

We´re go(in´) boom boom boom That´s the way we live

And in a great big room and That´s the was we live

David Byrne / Talking Heads

Der Inhalt der Dose wird jetzt zerstäubt durch eine Düse, eine Flüssigkeit wird aus ihrem natürlichen Zusammenhalt, ihrem Verbund in Adhäsion & Kohäsion der Moleküle zersprengt, die erweiterte Physik meiner Hände hebelt & bricht nur durch Daumendruck auf einen Sprühknopf, die vereinzelten Teilchen aufs Papier gestäubt: Chemie bindet dann aufs Papier, setzt die auseinander gerissenen Teichen wieder zusammen in neuer Anordnung, stellt neu dar: der gebrochene Inhalt erhält neuen Ausdruck: leicht entzündlich: Temperaturerhöhung vermeiden: nicht in Abwässer gelangen lassen: von Flammen & Funken fernhalten:

Der elastische Montagekleber für Klischee-Anstalten & Retuscheure wie auch Schriftsteller zum Montieren, Bilden, Darstellen in neuer Ordnung: bindet fast alle biegsamen Materialien wie Papier, Kunststoffe, Folien, auch Buchstaben darauf: miteinander verklebte Teile verziehen sich nicht & lassen sich einseitig gedeutet wieder voneinander lösen: feste Verbindungen werden durch Bewegung von zwei Seiten her erreicht: Körper & Gehirn: beides nach dem Auftragen zunächst antrocknen lassen: Auswüchse & überstehende Ränder mit den Fingern oder Gedanken abreiben: bitte stets Vorversuche durchführen:

Dambruch hielt sich an diese Anweisungen, die Chemie stellte jedoch anscheinend die Buchstaben auf den Kopf, „mein Kopf reagiert auf diese Ausdünstungen”, dachte er noch, dachte er nicht mehr, „die Chemie denkt”, dachte er, dachte er nicht mehr, dachte die Chemie. Die Buchstaben zerstoben vor seinen Augen in eine seinem Denken entgegen gesetzte Ordnung/Unordnung, er konnte dies einfach nicht bezeichnen, diese unbegreifliche Satzung der Buchstaben, Ordnung? Unordnung?, 9101 57, die Zahlen wie von selbst geordnet, nein: Die Zahlen werden geordnet wie von selbst, hier greifen anscheinend unbekannte Partikelchen ein, die sich untermischen in die Vorgänge & Abläufe zwischen meinen Gehirnzellen, die Dambruch auch Zahlen unterjubeln als Werte von Bedeutung: 9101 58, & die Bedeutung scheint gewachsen um eine Einheit, „woher dieses Einheitsmaß?, mein Gott, mir glitscht die Handhabung weg, Buchstabe?, Zahl?”, 9101 59, „hat irgendein countdown eingesetzt?”, Fragen häufen sich, Antworten stehen aus, 9101 60, „- eine Antwort?, eine Frage?”, 9101 61, „Was soll dieses Auszählen?” 9101 62, eine Antwort blieb aus.

Dambruch riss den Fensterflügel nahe dem Schreibtisch auf, hing seinen Rumpf mit nach vorne gerissenen Armen über die Fensterbank, er atmete schwer, 9101 63, um ein eine Einheit beschwerter Kopf sank noch weiter nach unten, als ein lauter, zwischen den beiden Stimmbändern hervor gepresster Ton seinem geöffneten Mund entglitt, 9101 64, dem Ton folgte ein Teil seines Mageninhaltes.

„Der Inhalt ist da!”, schoss ihm durch den Kopf.

9101 65

„Der Inhalt!”

9101 66

Er hatte seine Arme nach hinten bewegt, die Finger der Hände tasteten nach Halt am Fensterbrett, da sein sich entleerender Körper über das Fensterbrett zu gleiten drohte.

9101 67

„Halt!”

9101 68

Inhalt im Halt.

„9101 68.”

Gelder riss Dambruchs Körper von der Fensterbank.

„Halt!”

„Ich denke, du hattest einen flashback.”, versuchte er ihn zu beruhigen, der noch immer schwer atmend & mit Erbrochenem im Rachen röchelnd die Mageninhaltsbrocken aus seinem Schlund zu hüsteln versuchte.

„Du hast ja schon als Kind Wundbenzin aus der Hausapotheke als Vehikel zum Abheben benutzt.”

„Meine Maschine läuft; -& das nach wie vor bestens.”, versuchte Dambruch zu beschwichtigen.

„Deine Maschine läuft jetzt nicht mehr, mein Lieber!”

„Stopp!”, schrie Gelder.

Dambruch hob den rechten Fuß weg vom Gaspedal & senkte ihn langsam aufs Bremspedal. Langsam.

Stopp.

Der Wagen hält.

Erbrochenes klatscht auf die Wasseroberfläche unterm Fenster Inhalt geleert aus seinem Körper hinein ins Wasser das Fluidum der eine sich breitende gelbbraune Wolke zerstob Kotzbrocken aussendend Körperinhalt in Öffnung des Strudels in Tunnel auswärts Ausstoß eines Ichs weg in Richtung unbestimmt im Fluss der Gedanken im Wagen im Auto im Gefährt in der Wegbewegungsmaschine reißend über Fluss hinweg entlang der Autobahn leitgeplankt mastenliniert geschildert parkplatzorientiert:

Ein Blockiersystem hat auch Dambruchs Füße erfasst, nachdem er diese nach dem Anhalten des Wagens & Öffnen der Wagentüre in seinen Schuhen auf den Asphalt gesetzt hat: Seine Felgen gleißen jetzt im Sonnenlicht. Ein Foxtrott- oder Tangoschritt nun unbekannt.

Kavaliersstart hingegen angesagt.

Lamellengriffig, der Asphaltkontakt.

Erste, Zweite, dann schnell im Dritten rein durch die Tür. Augenkontakt im Scheinwerferlicht.

„Na wat denn?”

„´ne janz anjeneme Klientel!”

Pokale, Nippes, Gläser hinter dem Tresen, Bierbäuche, fette Haarsträhnen davor. Ein besoffener Schweizer als Draufgabe. Pin-ups auf vergilbtem Papier neben abgegriffenen Geldscheinen jeglicher Provenienz. Welcher Kiez? Betonbrocken an der Wand; Kotzbrocken; zwischen Kettengliedern; zerrieben;

Den Vierten rein, die Hintertüre wieder raus, auf den Avus.

„Was war dat für ´ne Wanne?”

Den Fünften & die Tribünen an der Seite entlang.

Honecker wünschte sich ein Grab in deutscher Erde; beflaggte Trauer; Flusser knapp vor Prag krepiert; im Auto; unbeflaggter Königsweg, rauf zum Veitsdom; Ärzte im CongressZentrum; weiße Götter; Stucken; Kantstraße; keine Kritik an der Unvernunft;

„Heast loß des jetza fia a Sekundal!”

Leibnitz; Monaden am Ku´damm; raus; Kleist; rein; am Nolli zerbrochen;

„Bülow, die alte Schikane?”

„Nee, Yorck!”

Wieder raus; hinein in die Stratosphäre; Ende der Synthax; rein ins Stratum; Biotop Kreuzberg; Kochstrasse; Rudi Dutschke Hausmeister; Axel-Springer-Strasse; Ballermann der Politik;

Der Südstern ein leitender.

Hier hoppelt ein Hase die Heide durch, gradwegs Karl Marx in die Arme; dann Wildenbruch; ja, noch die Spree, bleiträge wie immer; jetzt, ostwärts; nur noch Städte: Stralau; Warschau; Petersburg; Leningrad?; Platz der Vereinten Nationen.

17. Juni.

Dambruch weilt im Cafe Deutschland & wähnt, wähnt nichts. Ganz voyager observiert er den espace nouveaux. En espace. Automarken verkleben ihm den Blick auf den Südstern. Škoda. Es fehlt die Mauer, ihm kein Steinchen: gänzlich vulkanisiert & lamellengriffig jeden Kiesel spürend: en espace. Challenger war die message & Johannes Paul der Erste die Offenbarung. Günther Guillaume die Erleuchtung, Willi Brandt die Legende, Klaus Holstädt der Klemptner, Rudi Dutschke der Hausmeister: Die Meister im Hause Deutschland geschliffen an amerikanischem Muster, vatikanischer Doktrin, russischer Patronanz & eigen gebräutem Nationalismus.

Mit Dambruch all samt & sonders versammelt im Café germain allemannen gleich teuton inbegriffen.

Hier die Sprache CD-gefaßt in Regenbogenhaut, dort das Wort vom Kalten Krieg in Vinyl gepresst, woanders Disketten im Laboratorium der Philologie, Reagenzen schier unmöglich geglaubter Konjunktionen aller existierenden Sprachen & Sprechideen:

Oi, oi, chasse gardée!

Dambruch traut seinen Ohren nicht: er hört den Engländer abheben mit seinem helicopter, zurück auf seine Insel, hört den Russen sentimental mit seinem Kettenpanzer abziehen in seine EigenheimHeimat, den Franzosen nach der seines atomaren Flaggschiffs fragen. & dann hört er Peacock, den nigger, von dem er weiß, dass dieser einen gelben VWKäfer verschiffen lässt nach Übersee als souvenir, noch rufen:

„ Ich binn ain Bärliener!” (phonetisch JFK)

Desperado Dambruch versucht, seine Lamellengreifer zwischen die bitumengefassten Kiesel des Asphalts zu setzen, um rückwärts seine Karosserie aus dem Café Deutschland auszuparken. Doch das Chassis scheint festzukleben, am Platz der Nation, wie verschweißt in Symbiose mit dem neuesten space frame.

Ganz Auto steht er da & findet den Zündschlüssel nicht.

„Wohl Vorsehung?”, meint Gelder als schlanke Corvette chromatierend rechts neben ihm, worauf Dambruch sofort den Knopf des elektrischen Fensterhebers drückt, um das Fenster an der Beifahrerseite zu schließen & damit Missfallen an einem möglichen Gespräch anzudeuten.

Da ist er schon, mein Zündschlüssel. Mein Motor heult kurz auf & meine Karosserie prescht mit quietschenden Reifen aus dem Café Deutschland, die Berliner Allee entlang rasend, gen Osten.

„Nordosten”, sagt mein GPS. 

 

 

2 Comments

  1. alter, es ist wunderschön,
    habs so toll nicht in erinnerung.

    liebe grüsse, rfh

  2. Zuviel auf einmal?
    Eigentlich war Ian Dickinson als Johannes Dambruch geboren worden. Als angehender engagierter junger Schriftsteller legte er sich einen leichten Aluminiumkoffer in Aktentaschengröße zu mit der Absicht, in Zukunft sämtliche Manuskripte zu seinem geplanten Werk darin zu sammeln, dessen prosaischen Teil er einerseits den Arbeitstitel „Eine Bewegung in Form“ gegeben hatte, den lyrischen Part hingegen mit “Polyrik” bezeichnete & dieses zweigeteilte Konvolut erst zur Veröffentlichung freizugeben, wenn sich der Deckel des Koffers nicht mehr schließen ließe. Sich selber als Autor auch, – & dies war das für ihn das Wichtigste – verschloss er als literarisch agierenden Protagonisten Johannes Dambruch in diesen Aluminiumkoffer & sah sich im realen Leben als Ian Dickinson nur mehr als Deuteragonist dieses seines eigenen Lebens, der erst mit der Veröffentlichung seines Werkes zum Leben erweckt werden sollte, also benutzte er diesen Namen nicht im zivilen Leben, hatte derer mehrere, in jeder Stadt, in der er aufkreuzte, verwendete er einen neuen. Die Stadt Berlin, aus der er gerade in Zürich angekommen war, wurde von ihm seit zwei Jahren mit Thomas Ego am Kottbusser Tor besetzt. Hier in Zürich hatte er sich als Ilias Rüschle aus Kempten angekündigt & im 4. arondissement in der Langstrasse eingemietet. Zivil lebte er also als Tritagonist, der seine Bühnen & darauf die Kostüme wechselte. Aber was bedeutete ihm denn zivil ? – Dickinson sah sich als global citizen, sein literarisches Vorbild sah er in Thomas Pynchon, an dem er bewunderte, wie dieser trotz Verbreitung seiner Publikationen den aktuellen Aufenthaltsort verschleiern konnte & die Presse an der Nase herumführte, nein, gar nicht mehr herumführte, sie entließ ihres Amtes. Er hingegen hatte Probleme mit dieser camouflage, da er immer wieder schreibend für die Presse selbst werkte, Arbeit am Theater, Film, Fernsehen, sich kritisch-essayistisch des Öfteren selbst den Schafspelz vom Wolf riss. Doch kaum hatte er aus seinem Pseudonym irgendwo einen klingenden Namen gemacht, war er auch schon wieder weg. Auch als Weltbürger konnte er sich nicht sehen war er doch bloß als Agent in Europa unterwegs, der ab und zu Korrespondent im Nahen Osten spielen durfte. but – America is waiting…
    hallo rf, so trifft man sich wieder…, tipp mal Dambruch in den google-search – eigenartige Vornamen, nicht?…


3 Trackbacks/Pingbacks

  1. By the Bludenz Project (= tBP) « poesis & crisis on 18 Dec 2007 at 4:32 pm

    […] sich selbst? – how does art sustain? – est-ce que l`artiste ne cherche pas que son sort? AbouttBP « dud neighbour die harfenspielerin […]

  2. By gegen die Zeit « poesis & crisis on 15 Jan 2008 at 3:27 pm

    […] sich selbst? – how does art sustain? – est-ce que l`artiste ne cherche pas que son sort? AbouttBP « […]

  3. By anfang « poesis & crisis on 02 Mar 2011 at 8:48 am

    […] tBP « patch to form […]

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