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Category Archives: PANNOrama

Wallys Rückkehr

Egon Schiele   “Bildnis Wally” – Bildnis Valerie Neuziel Öl auf Leinwand, 1912 (foto © Leopold Museum Wien)

Egon Schieles Totenmaske, 1918 von Gustinus Ambrosi abgenommen

Der Maler Egon Schiele lebte 1912 im böhmischen Krumau, als er Lebensgefährtin und Modell Valerie Neuziel in Öltechnik portraitierte. Das Gemälde wurde 1998 aus der Schau „Egon Schiele: The Leopold Collection, Vienna“ im New Yorker Museum of Modern Arts als so genannte „Raubkunst“ beschlagnahmt. Im September 2010 soll dieses „Bildnis Wally“ der Privatstiftung Leopold Museum über einen Vergleich mit der Erbengemeinschaft nach Lea Bondi-Jaray gegen eine Zahlung von 19 Millionen US-Dollar in die Wiener Sammlung zurückgestellt werden.

Leopold Museum MuseumsQuartier Wien

Besitzanspruch, Verkauf, Restitution oder Wechsel von Kunstwerken sind zumeist mit emotionalen Begleiterscheinungen verbunden und im Falle von Werken  österreichischer Maler wie Gustav Klimt oder Egon Schiele auch mit den Darstellungen schöner Frauen: Klimts „Goldene Adele“ übersiedelte 2006 als „Mona Lisa von Manhattan“ (Zitat des Käufers Ronald S. Lauder) nach New York, im August ist es für Schieles „Bildnis Wally“ soweit, aus der zwölfjährigen „Inhaftierung“ nach einer Ausstellung in New York den Weg heim nach Wien anzutreten, um in einer Sonderschau des Leopold Museums gezeigt zu werden.

Der Augenarzt & das Aquarell

Der Wiener Augenarzt und Kunstsammler Rudolf Leopold sah dieses Gemälde  zusammen mit Egon Schieles „Selbstporträt mit Lampionfrüchten“ und dem Werk „Kardinal und Nonne“ in einer Art Triptychon immer gemeinsam verbunden: Rudolf Leopold darf die Wiedervereinigung der drei Bilder in „seinem“ Museum nicht mehr erleben – auch nicht die Eröffnung der für September geplanten Eröffnung einer Ausstellung von Werken Picassos, Giacomettis und Cézannes der Foundation Beyeler in seinen Räumen – er ist dem Schweizer Galeristen Ernst Beyeler, der bereits im Februar dieses Jahres verstarb, nachgefolgt.

gefeiertes Aquarell in der Aula des Museums

Für mich als aktiven bildenden Künstler dauerte es fast ein Jahrzehnt, ins Leopold Museum zu gehen, die Zeitgenossen in den im MQ benachbarten Galerien hatten eher mein Interesse geweckt. Für Rudolf Leopold hatte es über 5 Jahrzehnte gedauert, eine Kunstsammlung zusammenzutragen und in einem eigenen Museum zu positionieren. Über einen Aquarellwettbewerb zur Ausstellung Verborgene Schätze der österreichischen Aquarellmalerei wurde eines meiner Bilder zu einer diese begleitenden Schau Die Meister von Morgen aufgenommen. – so hing mein Aquarell „eselsweg“ in Gemeinschaft mit den Meistern Schiele, Klimt & Kokoschka!

Der Tod, blauer Fluss & blaues Haus

Nachdem ich erfahren hatte, dass Rudolf Leopold selbst die Auswahl der Bilder für die Ausstellung getätigt hätte, fand ich es angebracht, den Sammler selbst über seine Leidenschaft, die Triebfedern und Ziele dazu zu befragen: mir war ja „der Leopold“ nur ganz unverbindlich über mediale Schlagworte wie Schiele, Wally, klassischer Expressionismus, Restitution oder eben Sammlerleidenschaft nahe. Ein ausständiges Engagement für die zeitgenössische Österreichische Aquarellmalerei war schon längst fällig – obwohl in diesem Land das Genre durch viele MalerInnen stark vertretenen ist, ist es in aktuellen Ausstellungskalendern eher spärlich vertreten. Leider kam es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zu einem Gespräch mit dem Sammler zwecks näherer Erörterung.

Ich machte mich also auf zu einem spontan unbegleiteten Rundgang durch den hellen lichtdurchfluteten vierstöckigen Bau der Architekten Ortner & Ortner im Wiener Museumsquartier.  Man kommt nicht vorbei an Zugpferd Egon Schiele. Dem Tullner Wunderkind ist das Herz des Reigens an Bildern gegönnt, gleich nach dem Betreten des Museums über die Aula geleitet falle ich in die Bilderwelt seiner Meisterwerke: Tote Stadt III – Stadt am blauen Fluss, ein Bild, das dem Wanderschicksal Wallys knapp entgangen ist. – Schaurig fesselnd.

Egon Schiele: Tote Stadt III, Öl auf Leinwand 1917

Minutenlang suchte ich einen Ausweg aus dem ergreifenden Bann dieses kleinen Bildes, bis mir die Visualisierung von Malewitsch´ Schwarzem Quadrat auf weißem Grund, – jenes drei Jahre später entstandene kleine monochrom schwarze Bild des russischen Konstruktivisten & Suprematisten* mit seiner Abstraktion half, daraus auszusteigen:

“Das Schwarze Quadrat” von Malewitsch in der Kunsthalle Baden-Baden

Die Malerei lebt auch über jene Bildern weiter, die ihre eigene Auslöschung thematisieren. Das 1935 entstandene Aquarell Das Blaue Haus in St. Margarethen von Josef Dobrowsky in der Aquarellausstellung holt mich wieder zurück auf die heimatliche Erde.

Josef Dobrowsky   Das Blaue Haus in St. Margarethen, Guache & Deckweiß auf Papier, 1935

– Was mich zu den Fragenstellungen bringt: Wo ist ein Kunstwerk beheimatet? – Wo ist es besser aufgehoben? – In einem Museum?, in einer Privatsammlung?, im Banksafe eines Spekulanten? – Oder bei einem Kunst-Liebhaber?

* Suprematismus: Es handelt sich dabei um die erste konsequent ungegenständliche oder abstrakte Kunstrichtung, da eine von Gegenstandsbezügen befreite Kunst die Reduktion auf einfachste geometrische Formen in den Dienst der Veranschaulichung ‘höchster’ menschlicher Erkenntnisprinzipien bringen soll.

René Desor für PANNOrama

youTube: Leopold Museum: Welcome back, Wally!

Leopold Museum

MQ – MuseumsQartier Wien

Museumsplatz 1

1070 Wien

Täglich außer Dienstag: 10.00–18.00 Uhr
Donnerstag: 10.00–21.00 Uhr
Dienstag geschlossen

laufende & nächste Ausstellungen:

 Otto Muehl
Sammlung Leopold
Von 11.06.'10 - 04.10.'10


otto Muehl - ohne Titel - Friedrichshof

Jugendstil und Secession
Joseph Maria Olbrich
Von 18.06.'10 - 27.09.'10

Cézanne - Picasso - Giacometti
Fondation Beyeler zu Gast in Wien
Von 17.09.'10 - 17.01.'11
Sammlung Vienna Insurance Group Wiener Städtische
Österreichische Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts
Von 21.10.'10 - 24.01.'11
Egon Schiele:
seine Kunst – sein Leben – seine Zeit
Von 22.09.'11 - 09.01.'12
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ephemeride april 30th 2010 – Esterházy Palace at Eisenstadt with a soldier in the sky

yesterday my new website was set online under “my own” domain. – hope it will stay no ephemeris, a spot for one day – & be sure an English version will come soon! here the link – & take  a look to the news please:

thank you, artstage!

„Die Albertina“

foto © Albertina Wien

Eine aquarellierte Federzeichnung des Zeichners Jakob von Alt aus dem Jahr 1816 zeigt das Palais Albertina vom heutigen Standort des Hotel Sacher gesehen erhöht vor luftig leicht gegliedertem Wiener Weichbild. Heute liegt es mittig eng am Wiener Herzschlag neben dem von Alfred Hrdlickas skulpturenbesetzten Albertinaplatz zwischen Oper, Hotel Sacher & Volksgarten eingebunden. Dank des Flügels “Soravia Wing” aus Titan, von Architekt Hans Hollein über der Empore in den Himmel kragend gesetzt, hebt es sich jetzt aber wieder ein bisschen höher über all die historischen Bauten ringsum ab.

Der Albertinaplatz selbst war für mich immer eine der ersten Anlaufstellen bei meinen Wienbesuchen aus dem Ausland. Nicht weit von Kunstakademie, Naschmarkt, den Cafés Museum, Hawelka, Alt-Wien & Kleinem Café. Mit Anzingers Bonbons, mit denen man sich bei mitgebrachten Gästen gleich auf gut wienerisch einschmeicheln konnte – oder dem besten Zwetschken-Streuselkuchen Wiens zur Melange im Café Tirolerhof daneben. Dabei bot sich das die Wiener Kulturpolitik polarisierende Skulpturenensemble „Mahnmal gegen Krieg und Faschismus“ des letzten Jahres verstorbenen Bildhauers Alfred Hrdlicka als Diskussionsanstoß an. Oder die zahllosen Glas-, Metall- & Splitt-Container daneben – Verschandelung oder Ausdruck einer lebendigen Stadt?

Das klassizistische Palais Albertina dort hatte mich Jahre zuvor als Kunststudent kaum zum Betreten eingeladen, man wusste Bescheid über die historisch bedeutungsschwangere grafische Sammlung, deren Bedeutung wie jedem österreichischen Schüler auch mir schon in der Volksschule über Albrecht Dürers Feldhasen auf einem Zeichenblock ins Unterbewusstsein eingebläut wurde:

der “Ursus-Hase” & der Osterhase im Museumsshop der Albertina:

Ein neues Logo aber, ein walfischähnliches Fabelwesen, verführte den Kunststudenten dann doch dazu, in dem im Gebäude der Albertina untergebrachten Filmmuseum einen Vortrag des Filmemachers Peter Kubelka oder den neuesten Kurzfilm des Kanadiers Michael Snow zu besuchen.

Metamorphosen im und ums Haus

Heute ist das alles ein bisschen anders: Der Hrdlicka fällt einem nur auf, weil seine Skulpturen sich gewaschen und vermehrt haben, die Gäste aus dem Inland wollen zu den Ausstellungen „Markus Lüpertz´ Metamorphosen der Weltgeschichte“ oder „Cars“  von Andy Warhol in die Albertina, fürs Kaffeehauspendeln oder Filmeschauen hat man weder Muße noch Zeit. Einzig der Anzinger und der Tirolerhof sind als profane Gustostückerl geblieben.

Corriere della Siera zur Melange im Tirolerhof

„Die Albertina“ wurde so benannt nach dem Begründer der Sammlung, Herzog Albert von Sachsen-Teschen, dem Schwiegersohn Maria Theresias, der von 1770 bis zu seinem Tod 1822 systematisch an die 14.000 Zeichnungen und 200.000 druckgrafische Blätter zusammentrug. Heute hat ein reger Museumsdirektor in dem alt-ehrwürdigen Haus eine zeitgemäße Ausstellungsmaschinerie in kurzer Zeit so versteckt untergebracht, dass man sich nur wundern kann, was da alles an Kunst aus jeder Zeit an Raum und Beachtung findet: Seit der Jahrtausendwende hat der Linzer Kunsthistoriker Klaus Albrecht Schröder aus dem Museum der Sammlung, Bewahrung & Pflege eines sowohl für Kunstliebhaber wie auch für Künstler selbst geschaffen. Oft gegen die Bedenken von Denkmalschützern, Restauratoren, Kunsthistorikern und Museumsexperten schuf er bauliche und thematische Querbezüge, die manch fachlichen Puristen nicht erfreuten, aber etliche Kreative ins Haus lockten.

Rekorde, Unwetter und Nischen

Immense Besucherzahlen sprechen jedoch für sich: Bereits die erste Ausstellung im Jahre 2000 „Cezanne: Vollendet – Unvollendet“ brachte über 300.000 Besucher ins Haus, Albrecht Dürer bescherte 2003 bereits fast eine halbe Million, mit Van Gogh wurde 2008 diese Zahl überschritten und damit beinahe eine Million Menschen in die Albertina gebracht.

“action hero” painter Van Gogh as playmate for kids – to find in the museum´s shop

Im Österreichischen Fernsehen begeht der Direktor publikumswirksam mit dem Kabarettisten Alfred Dorfer die Schau, die „Freunde der Albertina“ werden über Mitgliedschaft, Veranstaltungen & Führungen „als Teil einer lebendigen Kunstszene“ in die Museumsarbeit miteinbezogen, webtauglich wird kommuniziert: „Albertina Fans ist bei Facebook“. Selbst nach der Gefährdung der grafischen Sammlung durch die Unbill eines Wassereinbruchs im Sommer 2009 wurde dem nachfolgenden Schwall an Kritik über die Bauänderungen durch rechtzeitige Rettungsmaßnahmen mit Bravour Einhalt geboten. 950.000 Werke der graphischen Sammlung waren betroffen und Michelangelo, Dürer und Rembrandt wie auch Picasso und Baselitz für die Nachwelt ohne Schaden bewahrt.

Jörg Immendorf: Kopf einer Bronze aus der Serie “Malerstamm”

Wenn da nicht noch die interessanten Nischen zwischen den Highlights wären…: über ein Zugpferd wie den Star Andy Warhol werden Zeichnung und Airbrush-Arbeit von Robert Longo, Videofilme von Silvie Fleury und durch digitale 3D-Technik entwickelte Skulpturen von Vincent Szarek  vorgestellt. Zur aktuellen Ausstellung „Markus Lüpertz´ Metamorphosen der Weltgeschichte“ wird man über die Skulpturengruppe „Malerstamm“, Bronzen des deutschen Malers und Bildhauers Jörg Immendorf geführt. Und wenn man weiß, dass Lüpertz und Immendorf ein künstlerisch-freundschaftliches Verhältnis verbunden hat, bekommt der öffentliche Raum der Albertina einen beinah persönlich-privaten Touch – trotz dem öffentlichen “Eklat” der letzten Tage rund um “einen Zentimeter” durch den Oberaufseher Wolfgang Dorn verschobene Tafeln eines Ensembles von Silvie Fleury.

René Desor für PANNOrama

Albertina

Albertinaplatz 1,  A-1010 Wien,  Tel.: +43 (0)1 534 83

Öffnungszeiten Museum und Shop:

Täglich 10.00 – 18.00 Uhr   Mittwoch 10.00 – 21.00 Uhr

MARKUS LÜPERTZ – METAMORPHOSES OF WORLD HISTORY

siehe auch post: amidst Markus Lüpertz´metamorphoses

bis 6. Juni 2010

nächste Ausstellungen:

ALEX KATZ – PRINTS

28. Mai 2010 – 19. September 2010

HEINRICH KÜHN – DIE VOLLKOMMENE FOTOGRAFIE

9. Juni 2010 – 5. September 2010

WALTON FORD

18. Juni 2010 – 10. Oktober 2010

„Das Nachzuahmende wird nicht leicht erkannt.“ (J. W. v. Goethe, aus Wilhelm Meisters Lehrjahre)

„Werde der, der Du bist!“

Schon als 16-Jähriger Schreibender auf Sinnsuche griff ich zu den Büchern Also sprach Zarathustra & den Dionysos-Dithyramben des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche. Erst viel später wurde mir klar, vor allem als ich mitbekam, dass Nietzsches letztes Werk, die Dionysos-Dithyramben 1888 erst kurz vor seiner „geistigen Umnachtung“ geschrieben hatte, warum mir diese Werke angesehen von der bildsprachlichen Lehre bei meiner jugendlichen Sinnsuche nicht all zu sehr geholfen hatten: ich hatte selbst noch zu wenig erfahren im Leben. Aber Sätze wie „…Und hier wird auch mit Einem Male die Aufgabe der modernen Kunst deutlich: Stumpfsinn oder Rausch! Einschläfern oder betäuben! Das Gewissen zum Nichtwissen bringen, auf diese oder die andere Weise! Der modernen Seele über das Gefühl von Schuld hinweghelfen, nicht ihr zur Unschuld zurück verhelfen! Und dies wenigstens auf Augenblicke!..“ hatten sich dem jungen Hirn eingeprägt – Da zerriss jemand den traditionellen Kontext in Sprache und baute Neues damit auf. Das musste ja auch in der Malerei möglich sein. Im „Dionysischen Rausch“ warf ich mich auf die expressive Malerei, den kommerziellen Erfolg der „Neuen Wilden“ in Deutschland und auch Österreich bestärkend im Rücken. 1984 wachte ich in Berlin/Kreuzberg auf: Ich stieß auf eine Schwebende Dithyrambe, auf eine so betitelte Leinwand, bereits in den 60er Jahren bemalt und von „MARKUS“ signiert. Ein visueller Dithyrambus, ein ekstatisches Loblied auf den Gott Dionysos aus der griechischen Antike.

Markus Lüpertz Dithyrambe – schwebend 1964 Courtesy Galerie Michael Werner Berlin Köln NYC

Dieser Markus hatte es  offenbar geschafft, der richtungslosen Ekstase, in der ich mich befand, eine Form & Farben zu geben – und dies schon 20 Jahre zuvor. Meine eigenen Versuche kamen mir plötzlich vor, als hätte ich versucht, den Dionysischen Ausdruck rein durch die Zerstörung und Überwindung der apollinischen Versuchung zu erreichen,  sah da Fetting, Middendorf, Salomé, Zimmer im gleichen Bemühen verstrickt & da kam dieser Markus so frank & frei aus entgegengesetzter Richtung & setzte eine gänzlich neue Form vor meine Augen!

„werde der, der du bist und lebe!“

Ein dejá-vu ähnlicher Art mit Markus´ Werk hatte ich gestern in der Wiener Albertina bei der aktuellen Präsentation Metamorphosen der Weltgeschichte/ Metamorphoses of World History. Diesmal „bloß“ eine Ähre und ein paar Reifenspuren auf Papier:

© foto: Albertina Wien

Die Ähre steht einfach prägnant überdimensional 159 x 124 cm auf einem ziemlich monochromen weißen Hintergrund mit ein paar raschen Pinselstrichen “hingemalt”, auf dem unteren Bild durchziehen Reifenspuren eine Landschaftsserie Ohne Titel (Deutsches Motiv – Reifenspur, 1966) hinweg über kleine Papierblätter:

1988 hielt ich diese beiden Elemente kurz nach meiner Rückkehr aus Berlin aufs österreichische Land in Öl auf Leinwand fest. Unter dem Titel “DAS LAND WIRD GEDACHT – DIE MUTTER UNSERER EISERNEN HERZEN”  versuchte ich, die Metamorphose eines Traktorreifens in die Gestalt einer Ähre bildlich zu binden. –

Andreas Roseneder  Das Land wird gedacht – Die Mutter unserer eisernen Herzen Öl auf Leinwand 100 x 140 cm, 1988

eine andere Ähre Lüpertz´, gefunden auf Ernst Vollands blog bei blogs.taz.de:

Markus Lüpertz Ähre dityrambisch    Öl auf Leinwand, 160 x 130 cm, 1971

–  contrary to all longings concerning my experiences in Berlin: nicht zu zerstören, sondern weiter durch versuchte Symbiose aufzubauen. – Deutsches Motiv? – Ich saß damals an der österreichisch-ungarischen Grenze!
„Das Aufregende an der Kunst ist doch auch, dass sie nicht ausstirbt, dass sie von einem zum anderen geht. Dass einer auf die Leistung des anderen aufbaut. Daher hat die Kunst eine so unendliche Überlebenskraft.“*
Markus Lüpertz´  Wege der Malerei hatte ich damals nicht vor Auge.
„In der Malerei gibt es keine Zeit. Man ist auch als 100-Jähriger jung, wenn man vital bleibt. Man ist als 30-Jähriger ein Greis, wenn man nichts mehr zustande bringt.“*
–  nun gut, meine Bemühungen gehen zur Halbzeit weiter… – siehe post FÜLÖP

* cit. Markus Lüpertz, Katalog Albertina

Nachfolgend ein kurzer Rundgang durch die Ausstellungsräume – klein aber fein – in der Albertina Wien:

ALBERTINA WIEN

MARKUS LÜPERTZ

METAMORPHOSEN DER WELTGESCHICHTE

11. März 2010 – 6. Juni 2010

Markus Lüpertz Serie Hl. Sebastian – Graphit laviert auf Papier

Markus Maillol mit Daphnen – bemalte Bronzen vor Mischtechniken

Markus Lüpertz Daphne 9 Bronze bemalt  2005

im Gang vor den Ausstellungsräumen von Markus Lüpertz´Kollege & Freund  Jörg Immendorf (1945-2007):  Bronzen, schwarz-grün patiniert, aus der Serie Malerstamm 2004-06:

unter “unsergleichen”                                     foto: © artstage

im Museumsshop: Oster-, Lüpertz & Dürer-Devotionalien

der frühling treibt stammknospen | sprachblüten …

…während Hans Holleins Soravia-Flügel schwingt ein / ausladend hin auf den Albertinaplatz: Alfred Hrdlickas “Skulpturenparkplatz” frisch restauriert & gereinigt:

M ESSL ATTE

ESSL MUSEUM – Kunst der Gegenwart

Die Kunstsammlung von Agnes und Karlheinz Essl präsentiert sich seit mehr als 10 Jahren als „Österreichs größte private Kunstsammlung zur Kunst der Gegenwart im neuen Ausstellungshaus von Heinz Tesar in der Nähe von Wien.“ Ich besuchte das Museum in Klosterneuburg anlässlich der letzten 2 aktuellen Termine zu Notizen zwischen den Slogans „I do it my way“ und „Gratis ist nicht umsonst“, hin zu “passion for art” in weissen Lettern auf pinkfarbigen Einkaufstaschen.

Maßbänder, Maßstäbe und Maßnahmen

Das Maß der imaginativen Latte wird bei Präsentationen von Kunst im Essl Museum in Klosterneuburg immer hoch gesetzt, egal, ob es sich nun um eine Schau junger Gegenwartskunst aus osteuropäischen Ländern oder kunsthistorisch abgesegnete österreichische Avantgarde handelt. Einerseits Maßbänder im Baumarkt verkaufen, andrerseits Maßstäbe in Sammlung, Pflege, Restauration und Präsentation moderner Kunst setzen. „2 Seelen schlagen in meiner Brust“ und „ich sehe mich ja auch in der Rolle des Baumaxes“, sagt Professor Karlheinz Essl beinah als Rechtfertigung, Geld für Kunstgenuss zu verlangen, als er die „schwierigen Zeiten der Krise“ anspricht, aber gleichzeitig zum 10-Jahres-Jubiläum sein Museum die ersten 10 Wochen des Jahres 2010 zum freien Eintritt öffnet. 2 Monate später setzt er Maßnahmen mit der Reduktion der Eintrittspreise des Museums, „denn die Auseinandersetzung der Menschen mit Kunst dürfe auch in einer angespannten Situation nicht stoppen“.

„Mein Kind“

Es ist ein helles, lichtgeflutetes Haus, im letzten Stock, der erste Empfang durch Frau Professor Agnes Essl auf mein Zögern hin mit freundlichem Deut in den Bookshop mit Cafébar: „Nicht so schüchtern, treten Sie bitte ein“. Es ist ihr Tag. 18 PreisträgerInnen des Essl Art Award CEE 2009 & JournalistInnen füllen den Raum. Mit René Block, dem bekannten deutschen Kurator, ihrem Mann Karlheinz & Sponsorvertretung führt sie die Pressekonferenz an: „It´s my child“, bekundet sie stolz die Ergebnisse „ihres“ Awards & entschuldigt sich schon vorweg in gewandtem Englisch über ihre schlechte Aussprache der tschechischen, slowakischen, ungarischen, slowenischen, kroatischen & erstmals auch rumänischen Namen. „I wish you with all of my heart the best for the future to develop your carreers“, spornt sie engagiert die jungen KünstlerInnen an.
Neben mir am Tisch sitzen die ungarischen Teilnehmer: Diána Keller aus Budapest sieht große Chancen durch ihre Nominierung. Beim nachfolgenden Rundgang durch die Ausstellung zeigt sie mir ihr verspielt-romantisches Video-Stilleben, in dem ein bunter Strauß Blumen tröpfchenweise die Farbe aufs weiße Tischtuch verliert. – Die meisten Beiträge sind auf multimedialen Elementen aufgebaut, die reine klassische Malerei scheint der Jugend nicht zukunftsweisend. Maxim Liulca aus Cluj, Rumänien, Josef Ponik aus dem slowakischen Presov sind mit malerischen Arbeiten die Ausnahmen, Uroš Potocnik aus Slowenien brilliert mit akribisch perfekt gemaltem Großformat, ein Veranda-Stilleben: “einfache Dinge aus unserem Alltag in Slowenien”, kommentiert er lapidar sein Bild. Beim Abschluss des Galerierundganges fasziniert mich Dávid Adamkó aus Ungarn: “Ich habe seit 40 Stunden nicht geschlafen”, entschuldigt er unter dem Arbeitstitel Liberty and Love / Szabadság, szerelem / Sloboda, láskal den improvisierten Arbeitplatz mit Leiter und Fahne, eine Büste Michelangelos´ David davor, auf die er ein mimisches Video projizieren will. Er ist mit einem Techniker beim Justieren, die Szenerie hat einen Hauch von „happening“:

„Das Bestreben, junge Künstlerinnen und Künstler aus Zentral- und Südosteuropa zu fördern und ihnen die Möglichkeit zu geben, in einem internationalen, musealen Kontext auszustellen, führte uns zu der Idee, mit der Unterstützung von bauMax einen Kunstpreis auszuschreiben, der alle zwei Jahre verliehen wird.”, unterstreicht Agnes Essl die fördernden Bemühungen des Hauses.

Agnes Essl empfängt die PreisträgerInnen mit fliegendem Schultertuch zu gedecktem Tisch

Fette Enten

Mein zweiter Besuch gilt der Schau >fat ducks< des bekannten österreichischen Malers Hubert Scheibl. Karlheinz Essl betont, dass er bereits 1983 einen „jungen“ Scheibl erworben & in Folge immer wieder Bilder aus Werkserien des Künstlers angekauft hätte. Zur Austellung liegt ein Katalog auf, der auch diese Ankäufe des Sammlers dokumentiert. Auf die Frage nach dem Grund des Titels gibt Scheibl schelmisch: „Bloß eine metaphorische  Falle!“ zur Antwort.

In der Rotunde des Museums hat Hubert Scheibl eine Installation platziert. „8 Tonnen geschredderte Autoreifen“, ein Schädelmodell eines Krokodils mit eingefügtem menschlichem Cranium auf gestapelten Ferrari-Pneus präsentiert, rundum sensible Zeichnungen an den Wänden. Der Gang rundum ist schwankend, es riecht nach verbranntem Gummi. In den angrenzenden Hallen & Räumen läuft >Corso<, ein Einblick in die Sammlung österreichischer Malerei ab 1945:

Kunstvermittler Andreas Hoffer deutet Werke von Adolf Frohner, Hermann Nitsch & Alfons Schilling

Nächster Programmpunkt, der direkt an Hubert Scheibl anknüpft – Hubert Scheibl ist an der Wiener Akademie unter anderen durch  seine Malerschule  gegangen: “Die Natur der Malerei” von Max Weiler, “Bilder von Max Weiler in Gegenüberstellung mit chinesischen Literatensteinen” lautet der Untertitel,  man kann also auf einen Kunstgenuss mit kulturübergreifend kosmologischem Weltverständnis gespannt sein. Mit 50 Bildern von Max Weiler umfasst die Sammlung Essl das größte Konvolut aus Weilers Oevre, daraus & zahlreichen Leihgaben wird die von Edelbert Köb kuratierte Schau – am 18. März Eröffnung – bestallt sein.

Max Weiler (1910-2001) in den 70er-Jahren, wie ihn Hubert Scheibl an der Akademie der Bildenden Künste in Wien wohl angetroffen hat. Ich selber jedenfalls hab das Treffen mit ihm dann später in den 80ern noch in solch juveniler Strahlkraft & Freundlichkeit in Erinnerung (Fotograph unbekannt, © Yvonne Weiler)

Karlheinz Essl im >CORSO< – Dialog zwischen Werken von Friedensreich Hundertwasser & Johannes Avramidis

mehr details siehe auch posts (in English): stars for a day & >fat ducks< by Scheibl

ESSL MUSEUM – KUNST DER GEGENWART
An der Donau-Au 1, A-3400 Klosterneuburg / Wien
Öffnungszeiten: DI – SO 10.00 – 18.00, MI 10.00 – 21.00, Eintritt frei ab 18.00

AUSSTELLUNGEN:

aktuell in Gedenken an Bruno Gironcoli: Ein Gedächtnisraum

27.02.2010 – 15.05.2010,  Kleiner Saal

GIRONCOLI-MUSEUM

HUBERT SCHEIBL

>FAT DUCKS<  bis  09.05.2010
>CORSO<
Werke der Sammlung Essl im Dialog  bis  07.11.2010
>MAX WEILER (1910 – 2001) – DIE NATUR DER MALEREI<
Bilder von Max Weiler in Gegenüberstellung mit chinesischen Literatensteinen
19.03. – 29.08.2010

René Desor für PANNOrama

„Just a metaphorical trap“ gives Austrian painter Hubert Scheibl as response to the question of a journalist, why he had chosen the title „fat ducks“ for his current art-show of eight huge canvases, more than fifty works on paper, sculptures & a central installation in the rotunda at the Essl Museum, Klosterneuburg next Vienna. „Nowadays we are all stuffed like poultry to get slaughtered one day“, he jokes – seriously.

Hubert Scheibl refers passionately about the installation around the scull-sculpture Crocodillo inbalsamata, brings human´s & reptile´s brains in comparison, the reduction of ours faced in confrontation with friends or enemies to the standard of the reptiles, initial results by instinct… – now back to the original instinct of the painter: Scheidl startet his carreer in the 80th´s  – “I´ve bought the first picture 1983”, collector Karlheinz Essl remembers.

two overseized canvases titeled Vielen Dank für das unterhaltsame Spiel / many thanks for the very amusing game Das ist eine sehr schöne Zeichnung, Dave / that´s a very good drawing, Dave, both painted in 2008

“Particulary these large formats do put me under enormous pressure. There is always the fear that the paint may dry off. Usually I finish a painting in a day. You have to get everything just right – then it´s over. Of course things may go wrong now & then, but actually I like a piece to put me under pressure, to become an urgent necessity.” – I know that from experience. – There is no more satisfaction for a painter then the moment  the pressure finally has settled to the canvas to enliven his vision – seldom but best case even improved.

Alles verläuft nach Wunsch / everything went smoothly & Das ist eine sehr schöne Zeichnung, Dave / that´s a very good drawing, Dave, (both 2001: Odyssee im Weltraum / 2001: A Space Odyssey), painted in 2008

parts of the installation DELPHI, 2008/2009

Was da kommt, kann man nicht aufhalten (No Country for Old Men) 3.60 x 5.10 meters, 2008 – I ask Hubert Scheibel about the background of his titels. “They are often quotations from films, the Coen Brothers for instance, I like their films” – read more about in German: Markus Mittringer, Der Standard: Fette Enten ungestört im Krokoteich

the rotunda, mixed media installation, realized in 2009 – Scheibl: “We brought in 8 tons of shredded tyres. the scull is placed on original Ferrari-tyres we went for to the Salzburg-Ring.” – the smell of burned rubber fills the air.

drawing I and You e, 2009


Gottfried Wilhelm Leibniz´ binary code printed on the reptile´s scull, the human scull enbeded – “I have started out from the idea about the evolution of the brain, which has always been fascinating to me, & I have tried to trace this development of instincts & drive up as far as the emergence of cultural awareness in a playful manner. With the combination we have become more or less the most dangerous creature this planet has to offer.”

Nicotine on Silverscreen, 2009

Hubert Scheibl talks with organizer Andreas Hoffer

video von Karlheinz Essl jr. : Presseführung

the oiltraces & scratches of an engaged painter

interview

HUBERT SCHEIBL >FAT DUCKS<

29/1/10 – 02/05/10, Large Hall
Curator: Hubert Scheibl
Exhibition organisation: Daniela Balogh, Andreas Hoffer

the collector´s choice: a talk in traditional surroundings (Hundertwasser/Avramidis)

CORSO. INSIGHTS INTO THE ESSL COLLECTION

29/01 – 07/11/10, Exhibition Hall and Small Hall
Curator: Prof. Karlheinz Essl
Exhibition management: Andreas Hoffer, Günther Oberhollenzer

Alfons Schilling

Mimmo Paladino

Tony Cragg

ESSL MUSEUM – Contemporary Art

René Desor for PANNOrama 010 01

today´s press conference concerning matters on the ESSL ART AWARD CEE 09 at the Essl Museum, Klosterneuburg next Vienna, I thought to be useful to ask the owners & art collectors Agnes & Karlheinz Essl some questions about their future plans in commuting between business´& art´s world –  actually the founders of the Essl Museum have started the ceremonies of the 10th year jubelee.

I found the future in the  presence of some nominees & pricewinners of the award – “the VERY young artists”, as curator René Block in his introducing speach layed particular emphasis on – & the guided visit through the exhibition hall with their presentations opened a view into the world of young artists living & working in Central & Eastern Europe.

Karlheinz Essl, Barbara Hagen-Grötschnig (Vienna Insurance Group), Agnes Essl & René Block (curator)

“that´s my child”,  designated Agnes Essl the Essl Art Award CEE, and  “…  I wish you with all of my heart the best for the future to develop your carreers …” she gave the young artists along their way.

living next Sopron/Ödenburg I found myself next the “hungarian table” – Zoltan Pintér, Diána Keller & Viola Fátyol – neighbours as in real life

the hall of the exhibition

Uroš Potocnik, Slovenia with details of his huge painting Veranda 1:1,  “just ordinary things out of our daily Slovenian living”, he commented his work taciturn

those beloved, very close videoinstallation by Lenka Cisárová, Bratislava, Slovakia

not the words but the gestures of  Jan Pfeiffer from Prague, Czech Republic, gave me imediately entrance into his work titeled  After the First – New York, Berlin, Prague or From – & musician Karlheinz Essl jr. obviously too

From, installation, detail

Diána Keller, Budapest, Hungary, with Still life, a video still of roses losing drop by drop their colours

Matej Sitar from Ljubljana, Slovenia, invites in perfect German into his seperate exhibition rooms

Fairy Tales (net presentation soon): Der Ursprung des Kunstwerkes (after Heidegger)

Marusa Sustar from Slovenia inspires somebody with Overview : NY

in conversation between Selfsystem 4.3., a video still by Zóltan Pintér

she made the audience laugh: Tihana Mandušić from Split, Croatia, with her videoinstallatin 3:10 to Yuma

Livio Rajh from Zagreb, Croatia, seeks interaction between visitor & artist with his work Schulz Naumann Monet (24 Hour Artwork)

Matija Brumen, Ljubljana, Slovenia, refers about his nightobjects

Viola Fátyol from Budapest, Hungary, shows her subtile photo Mutation

the most open room for one of the most intimate installation:

Petra Malá, living in Prague (CZ) & Lethbridge (CDN)  builds a bridge across three generations of her family with the photoseries  And She Said She Was Looking

colleagues from Prague meet at Klosterneuburg

Anna Hulacová from Prague, too: she wants to create a new view of esthetic by using food in her work, here with “Kamasutra eggs” as I nicknamed them

in Maxim Liulca´s (Cluj, Romania) paintings on themes concerning mass rallies I found intonated Gerhard Richter´s world

Lucia Stránaiová from Bratislava, Slovakia with an intimate photoseries again: Grand Parents

“I have not slept for 40 hours”, Dávid Adamkó from Hungary excuses the stage of construction at his place: he still works on the installation  Liberty and Love / Szabadság, szerelem / Sloboda, láskal. “It will be finished soon”, he grins. – the scenery has a touch of “happening”

Jozef Poník from Presov, Slovakia with one of the few paintings of the exhibition: big woman

videostill from the installation  I by Ivana Juric, Zagreb, Croatia

Violeta Ionita from Foncsani, Romania wants sencerity & honesty in her appearing to the public: & she really began to cry telling about her private experiences in front of her installation

Message, video still

at the end of the presentation Mrs. Agnes Essl welcomes the young artists with flying shawl to layed tables for lunch

Prof. Agnes Essl:

„Das Bestreben, junge Künstlerinnen und Künstler aus Zentral- und Südosteuropa zu fördern und ihnen die Möglichkeit zu geben, in einem internationalen, musealen Kontext auszustellen, führte uns zu der Idee, mit der Unterstützung von bauMax einen Kunstpreis auszuschreiben, der alle zwei Jahre verliehen wird.”

some artists (as Katarina Poliaciková, Slovakia & Michele Bressan, Christina Vladu, both Romania) & most works are missing here: some artists could not come to the award or I did not recognize somebody´work  during the long round through the exhibition hall , but you may take a look at your own:

ESSL MUSEUM – Kunst der Gegenwart

An der Donau-Au 1
3400 Klosterneuburg
Österreich

04.12.09 – 17.01.10, Ausstellungshalle
Projektleitung und Ausstellungsorganisation: Daniela Balogh, Silvia Köpf

www.esslmuseum.at

Daniel Richter, current exhibition

René Desor for PANNOrama

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“Der Kurator ist der Diener der Künstler”

Dr. Gerald Matt, Direktor der Kunsthalle im Wiener Museumsquartier, hält das Interview für “eine besonders geeignete Form der Auseinandersetzung zwischen künstlerischem Urheber und dessen Distributor”. Ich treffe ihn für PANNOrama zu solcher Gelegenheit mit zur Reise vorbereitetem Lederköfferchen im Wiener Büro, kurz vor seinem Abflug zur Frieze Art Fair nach London.

Von Wien in die Welt und zurück

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Kurz zuvor besuche ich die aktuell in der Kunsthalle Wien laufende und von ihm kuratierte Ausstellung  “1989. Ende der Geschichte oder Beginn der Zukunft? – Anmerkungen zum Epochenbruch”. Dort treffe ich über die Bricolage* Alte Welt : Neue Welt auf den Allgäuer Künstler Stephan Huber, dessen sculpturale Arbeiten ich noch aus meiner Münchener Zeit kenne. Eine surreale grafisch-literarische Reinszenierung des virtuellen Raumes der klassischen Kartografie über eine sich eine verändernde Welt  überrascht mich hier als intellektuelle Navigationshilfe. In einem extra bespielten Raum bekomme ich dann mit der Raum-Videoinstallation der englischen Zwillingsschwestern  Jane & Louise Wilson einen Einblick in die Räume der ehemaligen Verwaltungsgebäude des DDR-Staatssicherheitsdienstes – eine poetisch sensible, auf mich  beklemmend klaustrophobisch wirkende künstlerische Arbeit Stasi City von 1997:  Einblicke über das Auf- & Ab des Paternosters in  Überwachungsräume und Verhörzellen. Ein emotionaler flashback für mich, Erinnerung an die zwei Jahre, die ich aus meinen Atelierfenstern in West-Berlin/Kreuzberg auf die Mauer und dahinterliegende Gebäudekomplexe der real existierenden DDR geschaut habe.

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35 künstlerische Positionen aus 20 Nationen in Ost und West sind in der Ausstellung vertreten. Im Nachhinein werde ich Gerald Matt fragen, wie er als Kurator einen solch komplexen Umfang an Arbeiten rekrutiere.  “Ich habe diese oft schon lange zuvor gesehen. Ein nachhaltiges Gedächtnis befähigt dann zu solchen gezielten Positionierungen.” – In diesem Sinne trifft er dieser Tage Oscarpreisträgerin Tilda Swinton, die mit ihrer neuesten Arbeit “The Invisible Frame” auf der Viennale gastiert, wo sie als “ Derek Jarmans Brutal Beauty”  selbst als Muse und Protagonistin auferstehen wird.

GM Foto: Rüdiger Ettl/Kunsthalle wien

“Annus mirabilis”

1989.

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Die Jahreszahl ist für mich selber ein privater, gesellschaftspolitischer und beruflicher biographischer Markstein: über längere Aufenthalte aus Berlin und München kommend im burgenländischen Wulkaprodersdorf ansässig und kurz vor meinem Umzug nach Prag. DDR- BürgerInnen nutzen am 19. August an der Grenze zwischen den benachbarten Orten St. Margarethen und Sopron das “Paneuropäisches Picknick” zur Flucht nach Österreich. Die sogenannte “Samtene Revolution” beginnt am 17. November als Volksaufstand in der Tschechoslovakei. Ein Jahr darauf werde ich selber schon mein Atelier in Prag bezogen haben, die Mittlerin, die slowakische Künstlerin Irena Mudrová, wird schon in Berlin weilen. Die mitteleuropäische Kunstwelt wird kurzfristig aber nachhaltig neu “durchmischt”. Selbst Politiker sind mit von der Partie. In “meiner” Vinárna (Weinstube) um die Ecke treffe ich danach öfter auf den tschechischen Präsidenten Vázlav Havel im Gespräch mit Künstlern.

Vitrine statt Container

Bei meinen damaligen Wienbesuchen stoße ich auf dem Karlsplatz, zwischen Sezession und Technischer Universität auf ein gelbes Containergebäude mit interessant zeitgenössisch “jungem” Ausstellungsprogramm. Von Adolf Krischanitz ursprünglich temporär geplant,, ändert dieser Container seit 1992 dermaßen die Wiener Kunst- und Ausstellungsszene, dass 2001 im neuen Museumsquartier eine Kunsthalle eröffnet wird, die Keimzelle des Containers wandelt sich später in einen Glaskubus. “Unsere Vitrine”, verbessert mich Gerald Matt, als ich den “Container” anschneide, ”sie beherbergt heute das project space und spricht vor allem Besucher unter 40 an”. Letztens erst habe ich im Vorbeifahren Verbalinjurien wie “… Tex Rubinovitz ist ein Fischverunstalter … Gerald Matt ist ein Steckdosenbefruchter …” auf LED-Band über der Kunsthallenvitrine laufen sehen, eine künstlerische Aktion des Cartoonisten Tex Rubinovitz. – ganz in österreichischer Tradition der Publikumsbeschimpfung durch Peter Handke und der “Nestbeschmutzung“ von Thomas Bernhard. Gerald Matt goutiert offensichtlich diesen Affront  gegen ihn selbst, macht dabei gerne mit. “Als nächstes kommt Gerhard Rühm zum Zuge”, sieht er literarische Schwerpunkte als wichtige Bezüge zum aktuellen visuellen Kunstgeschehen. “Da passieren täglich an die 50.000 Autos, ein idealer Projektionsstandort!”. Diese Kontroversität spiegelt auch das Innenleben der Kunsthalle.

Der Kurator und der Künstler

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Der Kurator ist auf dem Sprung zur Kunstmesse nach London. “Eine Viertelstunde”, hat er kurz zuvor unser Treffen mit Blick auf die Uhr terminisiert, aber nach einer halben Stunde sind wir noch im Gespräch: Die Kunstvermittlung ist ihm ein Anliegen: für Kinder, Jugendliche und vor allem Studenten sieht er den public space als praktischen Ort für kreative Verwirklichung –  als “Traumlösung“. Durch die NYTimes mit dem Siegel “Mekka für zeitgenössische Kunst” geadelt und über eine Besucherzahl von 179.000 Kunstinteressierten im letzten Jahr wird er darin bestätigt.

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Gerald Matt zeigt seinen noch ungepackten kleinen ledernen Reisekoffer alter Machart her. Der Anblick ruft in mir eine Installation von Pavel Althamer, die ich vor drei Jahren in der Fondazione NicolaTrussardi, in der Arena Mailand gesehen habe, hervor: Der Künstler mit ein paar Habseligkeiten im Koffer wohnend. Das reelle Kuratorenleben scheint dem fiktiven Künstlerleben augenblicklich sehr nahezustehen: “Der Kurator ist nicht der Künstler, sondern der Diener des Künstlers.” – Diesen nachklingenden Satz nehme ich beim Abschied als bedeutungsschweres Andenken mit. – In einem leichten Rucksack.

*
Bricolage (manchmal auch sampling genannt) bezeichnet in der Jugendkultur die Technik, Gegenstände in einen neuen Kontext zu stellen, der nicht den ursprünglichen Normativen entspricht – Kleidung, Symbole und Embleme künstlich zusammenzustellen. Dabei kann deren ursprüngliche Bedeutung verändert oder sogar aufgehoben werden. Diese Begriffsverwendung von Bricolage geht auf den Ethnologen Claude Lévi-Strauss zurück, der 1962 sein Konzept des „Wilden Denkens“ („nehmen und verknüpfen, was da ist“) vorstellte und diesen Begriff so in die Sozialwissenschaften einführte. Für ihn ist Bricolage die nicht vordefinierte Reorganisation von unmittelbar zur Verfügung stehenden Zeichen bzw. Ereignissen zu neuen Strukturen.

link:
www.kunsthallewien.at

Buchtipp:
GM1
Interviews                        (Die Presse)
Band 1, 2
Gerald Matt interviewt Künstler unterschiedlichster Herkunft
“Kunst darf nie populär werden, das Publikum muss künstlerisch werden” (Oskar Wilde)
KUNSTHALLE wien
Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln

Ausstellungen:

1989. Ende der Geschichte oder Beginn der Zukunft? Anmerkungen zum Epochenbruch
KUNSTHALLE wien halle1
Museumsplatz 1 1070 Wien
09. 10. 2009 – 07. 02. 2010

leuchtband: Gerhard Rühm „fiktive Ereignisse“
KUNSTHALLE wien public space
01. 10. 2009 – 28. 02. 2010

sculptur: Not Vital “Schlafendes Haus”
KÖR am KUNSTHALLE wien public space Karlsplatz
30. 10. 2009 – 15. 04. 2010

Videorama – Kunstclips aus Österreich
KUNSTHALLE wien
04. 11. 2009 – 10. 01. 2010

René Desor für PANNOrama 009 06

see also recent post: the curator´s house

flight

Andreas Roseneder   Die Flucht des Asozialen /Flight of the Anti-Social oil on canvas 60×120 cm, 2002

A traditional oilpainting I realized 2002 (!) as a paraphrase on Gottfried Kumpf´s  trade-marked idolon “Der Asoziale / The Anti-Social” –  The artist´s trade-mark sets out his travel,  leaves the scene with a walking-stick,  stepping over the slippery frozen surface of a lake, the burning surroundings of  the lake´s reed-shore enlightened by a blue icy sun.

Last month I had the chance to meet the artist at Vienna in the course of an interview for the magazine PANNOrama: he has left 3 years ago his old house near the shore of the lake Neusiedl where he lived for more than 40 years  & has found now for him & his idolon a refuge in the city of Austrian´s capital. – to see my recent post about that story & his actual work just scroll down or click: Der Kumpf (sorry to say it is written in German).

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The time before a date last week to interview Dr. Gerald Matt – director of the KUNSTHALLE wien – for the magazine PANNOrama, I was engaged to take some photos from architecture, lounge, café, restaurant & curiosities around the Kunsthalle at Vienna. And to visit the current exhibition, too. – You will find among the photos a link to “1989. Ende der Geschichte oder Beginn der Zukunft? – Anmerkungen zum Epochenbruch  /  1989. End of History or Beginning of the Future? – Comments on a Paradigm Shift“.  An article about current cultural affairs will follow soon.

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“1989 – End of History or Beginning of the Future? – Comments on a Paradigm Shift

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Gerald-Matt-Kunsthalle

gerald_matt_kunsthalle_wienphoto: artstage

“The curator is the servant of the artist” – an easy saying  by Gerald Matt but high aim for a person with artistic ambitions as I sometimes get aware of his own work.