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“Der Kurator ist der Diener der Künstler”

Dr. Gerald Matt, Direktor der Kunsthalle im Wiener Museumsquartier, hält das Interview für “eine besonders geeignete Form der Auseinandersetzung zwischen künstlerischem Urheber und dessen Distributor”. Ich treffe ihn für PANNOrama zu solcher Gelegenheit mit zur Reise vorbereitetem Lederköfferchen im Wiener Büro, kurz vor seinem Abflug zur Frieze Art Fair nach London.

Von Wien in die Welt und zurück

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Kurz zuvor besuche ich die aktuell in der Kunsthalle Wien laufende und von ihm kuratierte Ausstellung  “1989. Ende der Geschichte oder Beginn der Zukunft? – Anmerkungen zum Epochenbruch”. Dort treffe ich über die Bricolage* Alte Welt : Neue Welt auf den Allgäuer Künstler Stephan Huber, dessen sculpturale Arbeiten ich noch aus meiner Münchener Zeit kenne. Eine surreale grafisch-literarische Reinszenierung des virtuellen Raumes der klassischen Kartografie über eine sich eine verändernde Welt  überrascht mich hier als intellektuelle Navigationshilfe. In einem extra bespielten Raum bekomme ich dann mit der Raum-Videoinstallation der englischen Zwillingsschwestern  Jane & Louise Wilson einen Einblick in die Räume der ehemaligen Verwaltungsgebäude des DDR-Staatssicherheitsdienstes – eine poetisch sensible, auf mich  beklemmend klaustrophobisch wirkende künstlerische Arbeit Stasi City von 1997:  Einblicke über das Auf- & Ab des Paternosters in  Überwachungsräume und Verhörzellen. Ein emotionaler flashback für mich, Erinnerung an die zwei Jahre, die ich aus meinen Atelierfenstern in West-Berlin/Kreuzberg auf die Mauer und dahinterliegende Gebäudekomplexe der real existierenden DDR geschaut habe.

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35 künstlerische Positionen aus 20 Nationen in Ost und West sind in der Ausstellung vertreten. Im Nachhinein werde ich Gerald Matt fragen, wie er als Kurator einen solch komplexen Umfang an Arbeiten rekrutiere.  “Ich habe diese oft schon lange zuvor gesehen. Ein nachhaltiges Gedächtnis befähigt dann zu solchen gezielten Positionierungen.” – In diesem Sinne trifft er dieser Tage Oscarpreisträgerin Tilda Swinton, die mit ihrer neuesten Arbeit “The Invisible Frame” auf der Viennale gastiert, wo sie als “ Derek Jarmans Brutal Beauty”  selbst als Muse und Protagonistin auferstehen wird.

GM Foto: Rüdiger Ettl/Kunsthalle wien

“Annus mirabilis”

1989.

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Die Jahreszahl ist für mich selber ein privater, gesellschaftspolitischer und beruflicher biographischer Markstein: über längere Aufenthalte aus Berlin und München kommend im burgenländischen Wulkaprodersdorf ansässig und kurz vor meinem Umzug nach Prag. DDR- BürgerInnen nutzen am 19. August an der Grenze zwischen den benachbarten Orten St. Margarethen und Sopron das “Paneuropäisches Picknick” zur Flucht nach Österreich. Die sogenannte “Samtene Revolution” beginnt am 17. November als Volksaufstand in der Tschechoslovakei. Ein Jahr darauf werde ich selber schon mein Atelier in Prag bezogen haben, die Mittlerin, die slowakische Künstlerin Irena Mudrová, wird schon in Berlin weilen. Die mitteleuropäische Kunstwelt wird kurzfristig aber nachhaltig neu “durchmischt”. Selbst Politiker sind mit von der Partie. In “meiner” Vinárna (Weinstube) um die Ecke treffe ich danach öfter auf den tschechischen Präsidenten Vázlav Havel im Gespräch mit Künstlern.

Vitrine statt Container

Bei meinen damaligen Wienbesuchen stoße ich auf dem Karlsplatz, zwischen Sezession und Technischer Universität auf ein gelbes Containergebäude mit interessant zeitgenössisch “jungem” Ausstellungsprogramm. Von Adolf Krischanitz ursprünglich temporär geplant,, ändert dieser Container seit 1992 dermaßen die Wiener Kunst- und Ausstellungsszene, dass 2001 im neuen Museumsquartier eine Kunsthalle eröffnet wird, die Keimzelle des Containers wandelt sich später in einen Glaskubus. “Unsere Vitrine”, verbessert mich Gerald Matt, als ich den “Container” anschneide, ”sie beherbergt heute das project space und spricht vor allem Besucher unter 40 an”. Letztens erst habe ich im Vorbeifahren Verbalinjurien wie “… Tex Rubinovitz ist ein Fischverunstalter … Gerald Matt ist ein Steckdosenbefruchter …” auf LED-Band über der Kunsthallenvitrine laufen sehen, eine künstlerische Aktion des Cartoonisten Tex Rubinovitz. – ganz in österreichischer Tradition der Publikumsbeschimpfung durch Peter Handke und der “Nestbeschmutzung“ von Thomas Bernhard. Gerald Matt goutiert offensichtlich diesen Affront  gegen ihn selbst, macht dabei gerne mit. “Als nächstes kommt Gerhard Rühm zum Zuge”, sieht er literarische Schwerpunkte als wichtige Bezüge zum aktuellen visuellen Kunstgeschehen. “Da passieren täglich an die 50.000 Autos, ein idealer Projektionsstandort!”. Diese Kontroversität spiegelt auch das Innenleben der Kunsthalle.

Der Kurator und der Künstler

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Der Kurator ist auf dem Sprung zur Kunstmesse nach London. “Eine Viertelstunde”, hat er kurz zuvor unser Treffen mit Blick auf die Uhr terminisiert, aber nach einer halben Stunde sind wir noch im Gespräch: Die Kunstvermittlung ist ihm ein Anliegen: für Kinder, Jugendliche und vor allem Studenten sieht er den public space als praktischen Ort für kreative Verwirklichung –  als “Traumlösung“. Durch die NYTimes mit dem Siegel “Mekka für zeitgenössische Kunst” geadelt und über eine Besucherzahl von 179.000 Kunstinteressierten im letzten Jahr wird er darin bestätigt.

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Gerald Matt zeigt seinen noch ungepackten kleinen ledernen Reisekoffer alter Machart her. Der Anblick ruft in mir eine Installation von Pavel Althamer, die ich vor drei Jahren in der Fondazione NicolaTrussardi, in der Arena Mailand gesehen habe, hervor: Der Künstler mit ein paar Habseligkeiten im Koffer wohnend. Das reelle Kuratorenleben scheint dem fiktiven Künstlerleben augenblicklich sehr nahezustehen: “Der Kurator ist nicht der Künstler, sondern der Diener des Künstlers.” – Diesen nachklingenden Satz nehme ich beim Abschied als bedeutungsschweres Andenken mit. – In einem leichten Rucksack.

*
Bricolage (manchmal auch sampling genannt) bezeichnet in der Jugendkultur die Technik, Gegenstände in einen neuen Kontext zu stellen, der nicht den ursprünglichen Normativen entspricht – Kleidung, Symbole und Embleme künstlich zusammenzustellen. Dabei kann deren ursprüngliche Bedeutung verändert oder sogar aufgehoben werden. Diese Begriffsverwendung von Bricolage geht auf den Ethnologen Claude Lévi-Strauss zurück, der 1962 sein Konzept des „Wilden Denkens“ („nehmen und verknüpfen, was da ist“) vorstellte und diesen Begriff so in die Sozialwissenschaften einführte. Für ihn ist Bricolage die nicht vordefinierte Reorganisation von unmittelbar zur Verfügung stehenden Zeichen bzw. Ereignissen zu neuen Strukturen.

link:
www.kunsthallewien.at

Buchtipp:
GM1
Interviews                        (Die Presse)
Band 1, 2
Gerald Matt interviewt Künstler unterschiedlichster Herkunft
“Kunst darf nie populär werden, das Publikum muss künstlerisch werden” (Oskar Wilde)
KUNSTHALLE wien
Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln

Ausstellungen:

1989. Ende der Geschichte oder Beginn der Zukunft? Anmerkungen zum Epochenbruch
KUNSTHALLE wien halle1
Museumsplatz 1 1070 Wien
09. 10. 2009 – 07. 02. 2010

leuchtband: Gerhard Rühm „fiktive Ereignisse“
KUNSTHALLE wien public space
01. 10. 2009 – 28. 02. 2010

sculptur: Not Vital “Schlafendes Haus”
KÖR am KUNSTHALLE wien public space Karlsplatz
30. 10. 2009 – 15. 04. 2010

Videorama – Kunstclips aus Österreich
KUNSTHALLE wien
04. 11. 2009 – 10. 01. 2010

René Desor für PANNOrama 009 06

see also recent post: the curator´s house

2 Comments

  1. Filmtip: “Das Leben der anderen” Abgesehen von den damaligen politischen Umständen zeigt der Film generell wie Menschen differenzieren und andere Menschen diskriminieren.
    Anders zu sein bedeutet für mich das eigene Lebensglück anzustreben (Selbstbestimmung) und dafür den Preis (gesellschaftliche Intoleranz, Verachtung, Verspottung…)zu zahlen.

  2. Der Hauptteil des Films spielt gegen Ende der DDR, wenige Jahre vor dem vierzigsten Jahrestag, auf den der Mauerfall folgte. Das Ministerium für Staatssicherheit überwachte zu dieser Zeit viele Haushalte und hörte diese ab. Besonders betroffen davon waren Künstler, die sich kritisch gegenüber dem System äußerten. Solche Äußerungen wurden mit dem Streichen von Auftragswerken oder dem Veröffentlichungsverbot bestraft.


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